Buchklassiker Neue Sachlichkeit

Buchklassiker: Neue Sachlichkeit

Literaturklassiker stellen sich oft als gähnend langweilige Schullektüre in kleinen, gelben Reclam-Bändchen heraus. Manchmal sind sie aber richtig spannend! Wir von quergetippt nehmen uns ab sofort regelmäßig je einen Klassiker aus der Weltliteratur vor. Pro Beitrag lesen wir zwei unterschiedliche Autoren und Werke aus derselben Epoche (die Nationalität kann dabei variieren) und besprechen sie mit euch.

Diesmal geht es um die Literatur der Weimarer Republik und dabei um die Strömung der Neuen Sachlichkeit. Es treten an:  „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque (gelesen von Fran) und „Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse (Siri)!

Neue Sachlichkeit – was war das nochmal?

Die Neue Sachlichkeit zählt zu den wichtigsten Literaturströmungen zur Zeit der Weimarer Republik (1919-1932). Zu dieser Zeit ging es in Deutschland turbulent zu: Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg entstand eine instabile Demokratie, unter anderem erschüttert durch politische Extremisten sowie einen Wandel der Wirtschaftslage von den „Goldenen 20er Jahren“ bis hin zur internationalen Krise.

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit wollte zu dieser Zeit eine breite Masse ansprechen und die Gesellschaftslage nüchtern und realistisch abbilden (im Gegensatz zu emotional-ausdrucksstarken Strömungen wie dem Expressionismus). Die Protagonisten sind meist einfache Leute, die ihr Leben inmitten von Krieg, Inflation und Zukunftsängsten bestreiten. Auf dieser Lernplattform der ZEIT erfahrt ihr mehr zur Epoche und ihren Vertretern.

Erich Maria Remarque: „Im Westen nichts Neues“

Zum Autor: Erich Maria Remarque (eigentlich Erich Paul Remark, 1898-1970) aus Osnabrück kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg. Seine Bücher, darunter auch „Im Westen nichts Neues“, wurden 1933 von den Nazis verbrannt, er selbst 1938 ausgebürgert. Bis zu seinem Tod lebte er abwechselnd in den USA und der Schweiz.

In einem Satz: Paul Bäumer, 19, kommt von der Schulbank an die Front und berichtet tagebuchartig von den Schrecken des Ersten Weltkriegs.

Gedanken beim Lesen: Wie viele traumatische Grausamkeiten kann ein einzelner Mensch eigentlich ertragen? Wie konnten die Soldaten noch über Latrinenwitze lachen oder über den ehemaligen Schulstoff nachdenken? Ich in meinem Luxusleben des 21. Jahrhunderts bemühe mich um Verständnis, aber kann das Ausmaß des Elends wohl nicht ansatzweise begreifen.

Lieblingsstelle: So eindrücklich die Details verwundeter Soldaten oder die philosophischen Gedanken von Paul in der Todesangst sind (im Internet findet ihr viele Zitate!), fand ich eine Szene besonders verstörend. Sie handelt von Paul und seinen Kameraden, die sich in einem verlassenen Dorf ausgehungert am Vorrat eines leerstehenden Hauses bedienen und beim Kochen plötzlich von außen beschossen werden:

„Immer näher pfeift es um uns herum, aber wir können doch das Essen nicht im Stich lassen. […] Ein paar Splitter sausen oben durchs Küchenfenster. Wir sind bald mit dem Braten fertig. Doch das Pufferbacken wird jetzt schwieriger. Die Einschläge kommen so dicht, dass oft und öfter die Splitter gegen die Hauswand klatschen und durch die Fenster fegen. Jedes Mal, wenn ich ein Ding heranpfeifen höre, gehe ich mit der Pfanne und den Puffern in die Knie […]. Alles duckt sich, und dann traben zwei Mann mit je einer Kanne erstklassigem Bohnenkaffee ab und erreichen vor dem folgenden Einschlag den Unterstand.“ (S. 161)

Top oder Flop? Top. Die stark autobiographische Erzählung hat mich erschüttert, bewegt und zum Nachdenken gebracht. Auch für Geschichte-Amateure wie mich ist das Buch leicht verständlich, da es um Pauls subjektive Erlebnisse in Alltagssprache geht. Ein starkes Zeitzeugnis deutscher Geschichte!

Hermann Hesse: „Der Steppenwolf“

Zum Autor: Hermann Hesse (1877-1962) war nicht nur Schriftsteller, Dichter und Maler, sondern auch Literaturnobelpreisträger. Während er „Der Steppenwolf“ schrieb, litt er an einer seelischen Krise, ausgelöst durch die sich verändernde technisch-rationalisierte Welt der damaligen Zeit. Es wird gemunkelt, dass er mit der Hauptfigur des Romans ein Alter Ego geschaffen hat.

In einem Satz: Harry Haller lernt, dass im Menschen mehr als die beiden Seelenteile „Bürgerlicher“ und „Steppenwolf“ leben. Er trifft neue Leute in einer fremden Stadt, hat Spaß, nimmt mit ihnen Drogen und versinkt daraufhin in bizarren Phantasien.

Gedanken beim Lesen: Sind ein paar gute Ansätze dabei – nein, halt, hä? Ist das nun Wahrheit oder Fiktion? Wo sind die Deutschlehrer*innen, wenn man sie braucht?!

Lieblingsstelle: An der Stelle geht es darum, dass Humor die Lösung für alles ist, wovon ich positiv überrascht war, da ich diese Eigenschaft an anderen Menschen besonders schätze:

„Einzig der Humor, die herrliche Erfindung der in ihrer Berufung zum Größten Gehemmten, der beinahe Tragischen, der höchstbegabten Unglücklichen, einzig der Humor (vielleicht die eigenste und genialste Leistung des Menschentums) vollbringt dies Unmögliche, überzieht und vereinigt alle Bezirke des Menschenwesens mit den Strahlungen seiner Prismen.“ (S. 54)

Top oder Flop? Ich weiß nicht so recht. Mit dem Thema „innere Zerrissenheit“ kann ich nicht so viel anfangen, deshalb fehlte mir ein wenig das Interesse. Trotz guter Denkanstöße und flüssigem Lesevergnügen hatte ich das Bedürfnis, nebenbei die zugehörige Textanalyse zu lesen, um wirklich alles richtig erfassen zu können. Im Zweifelsfall Top, weil der Seitenumfang gering ausfällt.

Habt ihr eines der beiden Bücher schon gelesen? Wie fandet ihr es? Haben wir eure Leselust geweckt oder steht ihr den alten Schinken generell skeptisch gegenüber?

Eine Antwort auf „Buchklassiker: Neue Sachlichkeit

  1. Wieder einmal ein toller Beitrag von euch beiden! Ich liebe diese kleinen aber feinen Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Büchern, denn gerade der zeitliche/geschichtliche/gesellschaftliche Kontext bei Klassikern fasziniert mich an diesen Büchern so sehr. Ich lese momentan auch den Steppenwolf von Hermann Hesse, bin aber noch auf den Anfangsseiten. Für mich war der Einstieg nach so viel Fantasy ein bisschen holprig, und ich war ein bisschen verwirrt wegen des Vorwortes, dass sich als Teil der Geschichte herausstellte, und nicht direkt als Vorwort des Autoren selber zu dem Buch. Oder vielleicht doch, auf versteckte Art und Weise? ;D Ich werde es wohl rausfinden, wenn ich weiterlese.

    Liebste Grüße,
    Ida

    Gefällt 1 Person

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