Gratwanderung Höflichkeit

Gratwanderung Höflichkeit

Wirkt höfliches Verhalten respektvoll oder steif? Ist es authentisch oder eine Fassade? Bei folgenden zwei anonymisierten Beispielen habe ich ziemlich kontroverse Reaktionen erlebt. Vielleicht kommen sie euch bekannt vor:

Beispiel 1: Noah, der lässige Student

Unser erfundener Beispielstudent Noah, 20, gibt oft seinen Senf zu den Inhalten der Vorlesung ab, unterhält sich im Hörsaal aber genauso gerne mit Sitznachbarn – dementsprechend unfundiert sind seine Wortmeldungen meistens. Diesmal sitzt er mit Basecap auf seinem Klappsitz, den Fuß auf dem Nachbarstuhl aufgestellt. Zu einem Begriff, den er nicht versteht, ruft er ohne Handzeichen in Richtung Professor: „Entschuldigung, das kapier ich nich´! Meinen Sie damit jetzt xy oder was?“, woraufhin der sichtlich irritierte Dozent zu einer Erklärung ansetzt und sich um Förmlichkeit bemüht. Noah kaut derweil mit kritischer Miene auf seinem Kaugummi und brummt etwas, das ein Danke, aber auch ein „Kapier ich immer noch nicht“ sein könnte. Einige raunen empört, andere im Hörsaal lachen dagegen verhalten und scheinen ihn für seine Ungezwungenheit zu „feiern“ – besonders die beiden Kommilitoninnen neben Noah, die sich ungerührt gegenseitig die Haare flechten. Ist Noahs Verhalten (zu)lässig oder einfach nur unhöflich?

Beispiel 2: Mia, die Sorry-Sagerin

Die fiktive Mia, 31, vertritt unser Gegenbeispiel. Sie sitzt abends zum Grillen mit ihren Freunden Susi und Tobi zusammen. Beim Essen bittet sie dramatisch um Entschuldigung, als sie Susi versehentlich mit dem Ellbogen berührt oder bedankt sich hundertmal, als ihr Tobi den Nudelsalat reicht. Die kollektive Antwort: „Passt schon, kein Problem!“ – Mia lächelt dann schuldbewusst-erleichtert und wer genau hinsieht, kann erahnen, dass sie zufrieden über die erreichte Aufmerksamkeit ist. Weitere Vorlieben von ihr sind ständiges Tiefstapeln oder unnötige Rücksicht bei gemeinsamen Entscheidungen („Okay, machen wir so… Aber wir können das auch anders machen, wenn euch das lieber ist!“). Sie nutzt Entschuldigungen auch gerne aus, um ihre Unreflektiertheit zu vertuschen. Beispielsweise passiert es ihr oft, dass sie den anderen ins Wort fällt oder minutenlang nur über sich redet. Dann gestikuliert sie dramatisch: „Oh sorry, ich unterbreche euch dauernd!“ Susi nickt es wohlwollend ab, froh um Mias Selbsterkenntnis, und denkt sich: „Solange sie es einsieht, ist ja nichts dabei.“ Tobi ist dagegen oft genervt, dass Mia mit ihrem kränkenden Fehlverhalten durchkommt, wenn sie sich nur genügend dafür entschuldigt. Ihre (Über-)Höflichkeit raubt Tobi die Energie. Er findet, sie schafft eine verklemmte, distanzierte Atmosphäre, wo man doch unter Freunden authentisch miteinander umgehen könnte. Seht ihr das eher wie Susi oder wie Tobi?

Gratwanderung Höflichkeit
Findet ihr, Höflichkeit verliert an Bedeutung? Oder ist eher das Problem, das sie manipulativ eingesetzt wird?

Höflichkeit als Gratwanderung

Einmal (zu?) wenig, einmal (zu?) viel Höflichkeit – wo liegt der goldene Mittelweg und woran macht ihr ihn fest? Zur Unterstützung hier ein paar (nicht-wissenschaftliche) Definitionen:

  • Duden: „gesittetes Benehmen; Zuvorkommenheit“ oder auch „in jemand schmeichelnde Worte gekleidete, freundlich-unverbindliche Liebenswürdigkeit, die jemand einem anderen sagt“
  • Wikipedia: „Die Höflichkeit […] ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll.“
  • Lexikon der Werte: „Zuvorkommendes und gesittetes Benehmen“
  • Glottopedia (eine Art Wikipedia für Linguisten): „eine Verhaltensweise, die Rücksicht und Respekt vor dem Adressaten ausdrücken soll“

Wie wendet ihr diese Definitionen im Alltag an? Ich finde Höflichkeit im Gegensatz zu Noah bei Autoritätspersonen angebracht, als ein Zeichen des Respekts (vor der Person an sich, vor dem höheren Wissensstand oder vor dem höheren Rang). In welcher Form man diese Höflichkeit äußert (reicht eine interessierte Haltung aus oder sollte Noah außerdem seine Kappe abnehmen?) und inwiefern z.B. der Knigge aktuell ist, kann man immer wieder kritisch überdenken. Im zweiten Beispiel bin ich Tobis Meinung: Höflichkeit sollte nicht aus niederen, manipulativen, ich-bezogenen Gründen stattfinden. Solange sie aufrichtig ist, ist sie für mich aber ein wichtiger Wert.

Zum Abschluss zwei Zitate, einmal zur Oberflächlichkeit, einmal zur Authentizität der Höflichkeit – welches trifft es eurer Meinung nach besser?

 „Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. Es mag zwar nichts drin sein, aber es mildert die Stöße des Lebens.“ (Arthur Schopenhauer)

 

„Die wahre Höflichkeit besteht darin, daß man einander mit Wohlwollen entgegenkommt. Sobald es uns an diesem nicht gebricht, tritt sie ohne Mühe hervor.“ (Jean-Jaques Rousseau)

Kennt ihr Situationen wie mit Noah und Mia – wie bewertet ihr ihr Verhalten? Ist Höflichkeit eine zeitlose Tugend oder ein Auslaufmodell? In welcher Form kann sie geäußert werden und welche Faktoren (z.B. Motive, Situationen, Autoritäten) spielen eine Rolle?

Bilderquelle: Pixabay

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