Buchklassiker: Realismus

Literaturklassiker stellen sich oft als gähnend langweilige Schullektüre in kleinen, gelben Reclam-Bändchen heraus. Manchmal sind sie aber richtig spannend! Wir von quergetippt nehmen uns ab sofort regelmäßig je einen Klassiker aus der Weltliteratur vor. Pro Beitrag lesen wir zwei unterschiedliche Autoren und Werke aus derselben Epoche (die Nationalität kann dabei variieren) und besprechen sie mit euch.

Diesmal geht es um den Realismus. Es treten an: „Anna Karenina“ von Leo Tolstoi und „Oliver Twist“ von Charles Dickens!

Realismus – was war das nochmal?

Werfen wir mal einen Blick auf die Gesellschaft Deutschlands, Englands, Russlands und vieler weiterer Länder im 19. Jahrhundert: Technische und wissenschaftliche Fortschritte, die Industrialisierung, überfüllte Städte, eine verarmende Arbeiterschicht und ein allgemeiner Wertewandel hin zum Fokus auf den einzelnen Menschen prägten die damalige Zeit. Auf dieser Lernplattform der ZEIT erfahrt ihr mehr über die Hintergründe.

Welchen Einfluss das auf die Literatur hatte? Der Realismus steht für eine objektive, distanzierte und doch ästhetisch aufbereitete Darstellung der Wirklichkeit. Im Mittelpunkt steht der einzelne Mensch, dessen persönliche Geschichte im Rahmen einer genauen Realitätsbeschreibung erzählt wird. Die Sprache ist einfach, aber formschön (im Gegensatz zum Naturalismus, in der die Wirklichkeit schonungslos geschildert wird) und detailliert gehalten.

Leo Tolstoi: „Anna Karenina“

Zum Autor: Lew Tolstoi (1828-1910) entstammte einem russischen Adelsgeschlecht und ist bekannt für seine Realismus-Klassiker „Anna Karenina“ sowie „Krieg und Frieden“. Er führte ein bewegtes Leben, nach ihm wurden mehrere Dinge benannt und seine Gestalt prägt russische Münzen.

In einem Satz: Russische Oberschichtler trinken in unterschiedlichen, aber zusammenhängenden Handlungssträngen Tee, betrügen sich, machen Liebeserklärungen und denken dabei über sich, ihre Probleme und das System nach.

Gedanken beim Lesen: Boah, ist das zäh. Ob ich das jemals schaffe? Lustige altdeutsche Übersetzung, in der „dasselbe“ noch „das nämliche“ hieß. Warum gab es früher keine mutigen Lektoren, die mal rabiat gekürzt hätten?

Lieblingsstelle: Die Beschreibung einer Sexszene mit den Worten „Das, was für XY fast ein ganzes Jahr hindurch der einzige Lebenswunsch gewesen war, der alle seine früheren Wünsche ersetzte; das, was für XX ein unmöglicher, entsetzlicher, und gerade deshalb umso mehr ein verführerischer Traum von Seligkeit gewesen – diesem Wunsch war jetzt Genüge geschehen. -„ (S. 238). Und ein spannend geschildertes Pferderennen blieb mir positiv in Erinnerung, weil dabei immerhin eine Form der Bewegung zu erkennen war.

Top oder Flop? Flop! Obwohl es ein typisches Werk des Realismus ist und somit die individuelle Gesellschaftsbetrachtung im Vordergrund steht, wäre IRGENDEINE Form von zielgerichteter Handlung schön gewesen. So liest man tatsächlich nur ausschweifende Gedanken zum Innenleben der Figuren und der Gesellschaft.

Charles Dickens: „Oliver Twist“

Zum Autor: Charles Dickens (1812-1870) arbeitete sich aus der mittellosen Londoner Unterschicht zum Reporter und Schriftsteller hoch und wies auf die Missstände der Gesellschaft hin. Ein bekanntes Werk neben „Oliver Twist“ ist die mehrfach verfilmte „Eine Weihnachtsgeschichte“ rund um Mr. Scrooge.

In einem Satz: Waisenjunge Oliver flieht aus Armenhaus, gerät im teils bettelarmen London in eine Diebesbande und kämpft inmitten von HB-Männchen-ähnlichen Bösewichten darum, ehrliche Menschen von seiner Unschuld zu überzeugen.

Gedanken beim Lesen: Was für ein ungewöhnlicher Mix aus ironischen Gesellschaftsschilderungen rund um Armut, Machtmissbrauch und Gewalt auf der einen Seite und kindlichen, verniedlicht dargestellten Figuren auf der anderen.

Lieblingsstelle: Die Beerdigung einer ärmlichen, mittellosen Frau ist typisch für Dickens´Gesellschaftsbeschreibung: „Die Bahre wurde am Rand des Grabes niedergesetzt, und die beiden Leidtragenden warteten geduldig auf dem feuchten Lehmboden und in dem kalten Regen […], während die zerlumpten Gassenjungen […] schreiend und lärmend zwischen den Leichensteinen Versteck spielten oder zur Abwechslung einmal über den Sarg hin und hersprangen. […] Mr. Bumble prügelte noch rasch ein paar Gassenbuben durch, und dann hielten seine Hochwürden eine Grabrede, die ein paar Minuten dauerte, übergaben dem Küster seinen Talar und verfügten sich wieder nach Hause. ,Also los, Bill´, befahl Mr. Sowerberry dem Totengräber, ,losgeschaufelt!´“ (S. 48)

Top oder Flop? Top! Auch wenn der auktoriale Stil dafür sorgt, dass man die Figuren eher aus der Distanz betrachtet und ich somit mit dem lieben, aber irgendwie auch charakterlosen Oliver nicht warm wurde, fühlte ich mich unterhalten und teilweise bewegt. Durch die poetische und zugleich ironisch-schonungslose Sprache und die flotte Handlung machte das Lesen sogar Spaß!

Eigentlich wollten wir dies als monatliche Reihe planen, aber 1200 Seiten Tolstoi waren innerhalb von vier Wochen nebenbei einfach nicht machbar. Und ein bisschen Spaß und zeitgenössische Literatur soll’s beim Lesen zwischendurch auch sein :) In weiser Voraussicht stellen wir euch also unregelmäßig klassische Literatur vor.

Habt ihr eines der beiden Bücher schon gelesen? Wie fandet ihr es? Haben wir eure Leselust geweckt oder steht ihr den alten Schinken generell skeptisch gegenüber?

11 Antworten auf „Buchklassiker: Realismus

  1. Hallo ihr beiden!
    Ich bin jetzt schon begeistert von dieser Art von Beitrag und freue mich auf weitere Klassiker-Beiträge von euch! :) Charles Dickens‘ „Oliver Twist“ steht im Winter diesen Jahres auf meiner Klassiker-Leseliste! Nach diesem kurzen und doch sehr detaillierten Einblick bin ich schon ganz gespannt darauf, wie mir die Geschichte gefallen wird. :)
    Liebste Grüße,
    Ida

    Gefällt 1 Person

      1. Hi Siri!

        Also für dieses Jahr stehen noch „Steppenwolf“ von Hermann Hesse, „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, „Schachnovelle“ von Stefan Zweig und „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann auf dem Plan. Im englischsprachigen Bereich lese ich gerade „The Great Gatsby“ von Fitzgerald, und in den nächsten Monaten warten dann noch „Uncle Tom’s Cabin“ von Harriet Beecher Stowe, „The Wizard of Oz“ von Frank L. Baum und „Jane Eyre“ von Charlotte Bronte darauf, gelesen zu werden. Bin mal gespannt, was mich da so erwartet.

        Liebste Grüße,
        Ida

        Gefällt 1 Person

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