Autorenlesung – hingehen oder nicht?

Heute gibt’s von mir nochmal ein buchiges Thema: Autorenlesungen. Ich war neulich auf einer Lesung von einem meiner Lieblingsautoren, der auch noch mein Lieblingsbuch vorgestellt hat – das sollte doch sicher ein besonders schönes Erlebnis sein?

Als ich die Location betrat, saß der nette Mann etwas schüchtern direkt vor dem Eingang – Hilfe. Beim ersten Mal tat ich so, als würde ich ihn nicht erkennen. Die anderen Zuhörer, alle ausnahmslos Ü60, grüßten auch nicht weiter. Als ich das zweite Mal frontal an ihm vorbeilatschen musste, sprach ich ihn dann an aus Anstand verlegen an: „Äh, Hallo, Sie sind Herr XY.“ Ganz klasse. „Wir kennen uns von der Leserunde auf LovelyBooks.“ – „Woher?“ – „LovelyBooks?“ – „Ah ja, LovelyBooks“. Stille.

Er, ähnlich verlegen, tauschte mit mir noch ein paar Höflichkeitsfloskeln aus, bis ich mich mit „Joa, schön, dass Sie heute da sind!“ (was ich erneut zweimal wiederholen musste, da ich zu arg nuschelte) auf die Toilette flüchtete. Oh man. Wir können wohl beide keinen Small Talk. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt!

Die Akteure einer Lesung

Ich saß dann, immer noch peinlich berührt, meinen „Star“ mit Genuschel genervt zu haben, in der hintersten Reihe und lauschte der Lesung. Die war toll, keine Frage, natürlich kannte ich alle Passagen und Hintergründe schon, da ich dem Autor über LovelyBooks schon einmal Fragen gestellt habe. Warum bin ich dann eigentlich hier? Sehen wir uns doch generell mal an, wer aus welchen Gründen an einer Autorenlesung teilnimmt.

Autoren: Als Verfasser möchten sie nicht nur Marketing für ihr Werk betreiben, sondern mit (potenziellen) Lesern in Kontakt kommen. Es können Fragen zum Buch und zu der Person gestellt werden und am Ende signieren sie mitgebrachte Exemplare. Wäre ich Autorin, würde ich es außerdem genießen, mit Stolz mein publiziertes Buch zu präsentieren.

Verlag: Der Verlag interessiert sich in der Regel nur für eines: Geld. Aus seiner Sicht dienen Lesungen dem Image (des Buches, des/r Verfassers/in) und der Reichweitensteigerung und somit letztendlich auch mehr verkaufte Exemplare. Was völlig okay ist, schließlich verdienen Verlage so ihr Geld und wir bekommen neuen Lesestoff.

Ausrichter: Häufig richten Literaturvereine regelmäßig Lesungen aus. Sie tragen so zu einem beständigen Kulturprogramm für ihre Mitglieder und andere Bürger bei. Sie verdienen zum Beispiel durch den Eintrittspreis Geld und gehen Kooperationen mit lokalen Buchhandlungen ein, wo die Karten verkauft werden oder sie Bücher abnehmen, die sie während der Lesungen verkaufen usw.

Zuhörer: Diese lassen sich nochmals unterteilen:

  • Mitglieder: Sie kommen aus dem entsprechenden Verein und haben es sich zum Hobby gemacht, Lesungen zu besuchen, egal, ob sie das Werk kennen oder nicht. Sie haben die Erwartung, unterhalten zu werden.
  • Suchenden: Literaturfans, die kommen, weil sie neue Tipps wollen oder sich für die Thematik interessieren. Sie erhoffen sich Inspiration vom Abend.
  • Fans: Kommen, weil sie das Buch oder den/die Autor/in mögen oder Fragen stellen möchten. Sie möchten die Vorstellung ihres Idols im Kopf festigen.

Ich habe mich bei dieser Veranstaltung zu den Fans gezählt. Und dann beschlossen, dass ich nie wieder als Fan eine Autorenlesung besuchen möchte. Denn ich liebe das Buch, aber nicht den Menschen, der es geschrieben hat. Der ist mir eigentlich völlig egal. Im Gegenteil, ich bereue es sogar, weil ich den Autor nun mit seinen Stärken und Schwächen kennengelernt habe und meine Begegnung mit ihm für immer mit dem Buch verbunden sein wird. Das ist ja ganz normal: Je nach Ausstrahlung sympathisiere ich mit der Person oder nicht. Vielleicht hat sie auch einen bestimmten Tick, der mir auf die Nerven geht? Das hinterlässt einen faden Nachgeschmack und ich weiß nicht, ob das Werk dadurch nun mein Lieblingsbuch bleiben kann.

Ich liebe Literatur wegen ihrer selbst, wegen des geschriebenen Wortes und möchte mir das nicht durch zwischenmenschliche Begegnungen versauen lassen. Auch, wenn die Person dahinter noch so toll und nett ist – die Erinnerung an sie setzt in meinem Kopf einen ganz anderen Frame, als wenn ich den Text für sich selbst sprechen lasse.

Wie seht ihr das – geht ihr gerne zu Autorenlesungen? Welchem Zuhörer-Typ entsprecht ihr dann? Hattet ihr auch schon mal ein ähnliches, tolles, lustiges oder enttäuschendes Erlebnis?

9 Antworten auf „Autorenlesung – hingehen oder nicht?

  1. Hallo Siri,
    ich habe es schon ein paar mal probiert und gehe in der Regel nicht mehr oft zu Lesungen. Für mich ist das einfach nichts. Ich weiß, dass viele es toll finden, Autoren neu zu entdecken oder geliebte Autoren zu treffen. Für mich steht das Buch im Mittelpunkt und das möchte ich mir einfach nicht durch eine schlechte Lesung verderben lassen.
    Auch wenn ich irgendwo verstehe, was andere an Lesungen so toll finden.
    Schöne Gedanken hast du dir gemacht :)
    VG Jennifer

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    1. Hey Jennifer,
      jetzt erst sehe ich deinen Kommentar – WordPress bringt uns echt noch zur Verzweiflung! :)
      Genauso sehe ich das auch mit den Autorenlesungen. Noch dazu bin ich jemand, der mit Small Talk wenig anfangen kann, weshalb mir das gedruckte Wort dann doch am liebsten ist.
      Liebe Grüße!

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  2. Hallo Siri :)
    Ich habe erst vor kurzem meine erste Autorenlesung besucht (als Typ Fan). Tatsächlich beeinflusste die Begegnung mit dem jeweiligen Autoren/ der Autorin meinen Blick auf das Buch in keinster Weise. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass die Autorin sehr kommunikativ offline und online ist und auch nicht den Eindruck macht, als müsste sie das machen. Eher macht es ihr wirklich Spaß, kleine Sneaks in ihre kommenden Bücher zu geben. Als sie mein Buch signierte, artete unser Gespräch ein kleines bisschen aus, sodass wir nicht nur ein paar Worte wechselten. :D Genau weiß ich nicht, ob es einfach an ihrer authentischen Art lag oder daran, dass ich keine weiteren Erfahrungen mit Lesungen habe.
    Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass nicht alle Lesungen so ablaufen.
    Bei jedem Autor würde ich nicht zu einer Lesung gehen. Ich brauche ein gewisses Sympatie-Level ^^.

    Liebe Grüße,
    Jacky :)

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    1. Hi Jacky,

      erst mal danke für deinen Kommentar und ein fettes Sorry für meine späte Antwort, bei uns sind alle Kommentare seit März automatisch im Papierkorb gelandet!

      Deine Lesung klingt wirklich nach einem tollen Erlebnis! Vielleicht kommt es tatsächlich darauf an, was sich der/die Autori/in davon erhofft und wie die Szenerie aufgebaut ist. Bei mir war es ein dunkles Kellergewölbe, das Publikum gediegen, der Autor im Anzug. Da würde ich ein lockeres Gespräch, wie du es erlebt hast, wenn dann auch bevorzugen!

      Liebe Grüße
      Siri

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  3. Hallo
    Ich war noch nicht an vielen Autorenlesungen aber an denen ich war, die sind mir sehr sehr positiv in Erinnerung geblieben. Zum einen meine Lieblingsautorin Alice Gabathuler, welche nicht bloss vorliest, sondern auch ganz viel zum Entstehungsprozess des Buches erzählt und die Lesung wahrlich unterhaltsam gemacht hat. Beim andern mal eine Lesung von Kerstin Gier. Eine eher klassische Lesung, welche mit einem lebendigen Vorlesen wirklich begeistern konnte. Deine Ansichten kann ich jedoch nachvollziehen.
    Liebe Grüsse und danke für den tollen Beitrag!
    Josia

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    1. Hi Josia,

      sorry für die verspätete Antwort, wir hatten technische Probleme im Kommentarbereich!
      Danke für deinen Kommentar! Es freut mich, dass dir deine bislang besuchten Lesungen so gut gefallen haben! Kannst du denn dann z.B. die Stimme Kerstin Giers noch beim Lesen von der Stimme in deinem Kopf trennen oder ist dir dies sogar egal? Frage nur aus Neugierde :)

      Liebe Grüße
      Siri

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  4. Hey Siri,

    ein durchaus interessantes Thema, das du hier ansprichst. Ich kann dich auch echt verstehen, wenn du diese Begegnung ab jetzt mit dem Buch verknüpfst. Es geht mir ehrlich gesagt genauso. Zum Glück hatte ich bis jetzt nur positive Erlebnisse. Ich war schon auf mehreren Lesungen, zum Teil wegen den Autoren und ihren neuen Büchern, die ich noch nicht kenne. Das macht das Ganze dann doch noch etwas spannender, als wenn man bereits alles kennt. Bei Kerstin Gier zum Beispiel liebe ich die Bücher jetzt noch mehr als vorher, denn das was ihre Bücher für mich ausmachen, verkörpert sie eins zu eins. Das finde ich total großartig und lässt diese Werke in meinem Ansehen noch einmal steigen. Genauso geht es mir bei Kai Meyer, toller Typ und mega sympathisch. Lass dir durch ein Erlebnis nicht die Lust auf Lesungen nehmen. Es kann wirklich zum Highlight werden. :-)

    Liebe Grüße
    Ella <3

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    1. Hi Ella,

      bitte entschuldige die späte Antwort, bei uns liefen alle Kommentare seit März direkt in den Papierkorb :(
      Danke fürs Mutmachen! Vielleicht kommt es tatsächlich auf das Genre oder sogar die individuelle Geschichte an. Wenn Kerstin Gier z.B. den Stil ihrer Bücher auslebt, stelle ich mir dies sehr unterhaltsam und fröhlich vor! Bei meiner Lesung war es eher ein gediegenes, ernsthaftes Ambiente, was sicher mit in mein Unwohlsein hineingespielt hat …

      Liebe Grüße
      Siri

      Gefällt 1 Person

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