Wie geht Selbstreflexion?

 „Du bist glaub ich der reflektierteste Mensch, den ich kenne“, antwortete mir neulich ein Freund. Vorausgegangen war ein langer Bericht über das Ende meiner Beziehung, wie es dazu kam, was ich darüber denke und welche Sorgen über mein Urteilsvermögen mich nun plagen.

Und da fingen die Rädchen in meinem Kopf an zu klackern. Klar, würde ich mich als Fan der beständigen Selbstreflexion betrachten. Aber bislang geschah das mehr oder weniger einfach so, ich dachte ein bisschen nach und hatte eine Erkenntnis, ganz plump ausgedrückt. Warum bezeichnet er mich also als reflektiert? Wie geht Selbstreflexion überhaupt?

Also habe ich gegoogelt. Und lauter öde Einträge gefunden, in denen man sich ganz tolle Fragen stellen sollte á la „Wo will ich hin? Wo sehe ich mich in 5 Jahren? Wer bin ich? Was will ich?“. Geht’s noch langweiliger und abstrakter? Nach weiteren Wochen intensiven Nachdenkens und Reflektierens über meine Reflexion (Eloquenz lässt grüßen), fühle ich mich nun imstande, euch die Kunst der Selbstreflexion in eigenen Worten näherzubringen.

Warum Selbstreflexion?

Ich würde sagen, um euch selbst besser kennenzulernen, Routinen aufzubrechen, euer Leben auf eure Bedürfnisse auszurichten und damit glücklich zu werden. Im Folgenden möchte ich euch 3 Ebenen vorstellen, die ich an mir regelmäßig hinterfrage: Handgriffe, Handeln und Haltung. Damit es ein bisschen weniger abstrakt ist, werde ich zu jedem Bereich mehrere Fragen und Erkenntnisse von mir selbst aufzählen. Dann versteht ihr besser, was mit Selbstreflexion überhaupt gemeint ist und habt erste Anhaltspunkte, die ihr für euch verwenden könnt. Dazu braucht ihr übrigens nur das Wort „Warum“.

Ebene 1: Handgriffe

Warum greife ich morgens zuerst nach dem Smartphone? Erstens drücke ich mich vor dem Aufstehen und zweitens hoffe ich, dass über Nacht irgendjemand an mich gedacht hat. Passiert selten.

Warum kratze ich mich ständig am Hals? Es geschieht immer in Situationen, in denen ich nervös bin, deshalb sollte ich diese mal näher analysieren.

Warum wasche ich mir ständig die Hände? Ich habe ein Bewusstsein für Bakterien und Oberflächen entwickelt, weil ich weiß, dass mein Immunsystem schwach ist und nicht krank werden möchte. Ah!

Warum spüle ich das Geschirr nie sofort, sondern nur einmal täglich ab? Dadurch spare ich an Wasser, Spülmittel und Zeit. Kurzum: Ich lege anscheinend größtmöglichen Wert auf Effizienz! Darüber muss ich sofort bloggen!

Ebene 2: Handeln

Warum kann ich mich oft schlecht konzentrieren? Ich werde ständig durch Geräusche abgelenkt.

Warum werde ich durch Geräusche abgelenkt? Ich bin anscheinend geräuschempfindlich. Und eigentlich auch lichtempfindlich. Und überhaupt, gegenüber allem empfindlich.

Warum wünsche ich „Frohes neues Jahr“, obwohl ich es nicht so meine? Ich beuge mich den Bräuchen und Konventionen. Obwohl ich das nicht mag. Nächstes Jahr fahre ich um diese Zeit einfach in den Urlaub.

Warum sage ich jedes Mal bei der langweiligen Weihnachtsfeier zu? Weil ich nicht den Mut habe, Nein zu sagen. Sollte ich dringend ändern, statt mich durch den Abend zu quälen.

Ebene 3: Haltung

Warum bin ich im Vergleich zu meinem Umfeld so empfindlich? Keine Ahnung, am besten beschäftige ich mich mal damit und suche nach Literatur. *Monate und 5 Bücher später* Ah, ich bin hochsensibel!

Warum überkommt mich gerade der Zorn des Todes, weil die dumme Kaffeetasse zum verflixt ersten Mal heute heruntergefallen ist? Ich bin wegen irgendetwas anderem unzufrieden oder wütend und übertrage dies auf die Kaffeetasse, statt mich mit der Wurzel des Unglücks zu beschäftigen. Na also, wo liegt denn nun das Problem?

Warum lebe ich nach genau den Werten, nach denen ich lebe? Eigentlich finde ich manche Werte nicht so gut. Aber sie wurden mir anerzogen, deshalb habe ich sie verinnerlicht. Zeit, diese neu zu definieren!

Warum nerven mich andere Menschen so sehr? Weil ich von ihnen erwarte, dass sie sich genauso respektvoll und zuvorkommend verhalten, wie ich ihnen entgegenkomme. Klappt nie, von daher sollte ich diese Erwartungen neutralisieren, um nicht genervt oder enttäuscht zu reagieren.

Und nun?

Was ihr mit euren Erkenntnissen macht, bleibt euch überlassen. Ich persönlich versuche immer, über die reflektierten Symptome an die Ursache zu gelangen und diese zu analysieren. Mit der ständigen Frage nach dem Warum fahre ich sehr gut und kann euch diese einfache Methode wärmstens ans Herz legen. Oft treffe ich auf Menschen, die sich von schlechten Angewohnheiten, Emotionen oder unerkannten Problemen leiten lassen. Diesen Personen ist Selbstreflexion wohl ein Fremdwort, aber glaubt mir, das kann jeder! Und am Ende haben alle was davon: Freunde, Partner, Familie, Umfeld und ihr selbst.

Habt ihr euch über Selbstreflexion schon einmal Gedanken gemacht? Wie betreibt ihr diese? Welche bahnbrechenden Erkenntnisse konntet ihr damit über euch gewinnen?