Schweigen

Schweigen ist Gold

Überall herrscht Geplapper. In der Fh, im Bus, im Wohnheim. Ein Geräuschteppich der Begrüßungen, des Small Talks, der banalen Gespräche. Manchmal sehe ich nur noch Münder, aus denen Silben prasseln, völlig austauschbar. Ist das noch Kommunikation oder eher ein Schlagabtausch der Monologe? Warum plappern manche Menschen so viel? Und warum liebe ich die Ruhe?

Ich kann auch eine Plaudertante sein. Zum Beispiel, wenn man sich beim Kaffeetrinken oder Pralinenfuttern mit der besten Freundin alles von der Seele redet. Niemand stört, niemand bewertet, alles kann raus. Man erzählt, analysiert, kommt auf neue Ideen und lacht sich halb tot. Nach dem Treffen ist dann auch mal wieder Ruhe angesagt. Umso mehr wundere ich mich über Menschen, die rund um die Uhr plappern. Dabei kann Schweigen in so vielen Situationen sinnvoller sein!

Raus mit dem Gefühl

„Ich hab´ so Schiss vor der Prüfung!“ – „Ja, aber dafür ist´s dann vorbei, das ist so geil!“ – Was ich meistens innerlich verarbeite, liegt anderen auf der Zunge. Jedem Impuls wird sofort Luft gemacht. Manchmal ist das sympathisch, oft aber anstrengend. Meistens betrifft diese Angewohnheit extrovertierte Menschen, die ihre Energie aus der Interaktion mit anderen Menschen gewinnen. Unter Freunden bin ich auch relativ impulsiv, was schon mal in unbedachten Äußerungen endet. Nicht umsonst ist „Verplappern“ etwas Negatives. Aber meistens schweige ich gerne und kann wirklich empfehlen, Gefühle erstmal für sich zu genießen und Worte dafür zu finden, bevor man sie mit anderen teilt. So können sie sich besser entwickeln und länger nachhallen.

Vermeintlich awkward

Ja, es gibt zwischenmenschliche Stille, die schwer auszuhalten ist. Aber warum scheint Schweigen generell einen schlechten Ruf zu haben? Stille wird schließlich nur unangenehm, wenn wir Erwartungen in sie setzen. Wenn ich zum Beispiel in die Wohnheimküche gehe und Geschirr spüle, muss derjenige am Herd nicht unbedingt mit mir reden. Es ist alles wunderbar, wenn einfach jeder vor sich hin werkelt. Stattdessen windet sich der andere sichtlich im Bemühen, ein Thema zu finden, und beginnt dann oft krampfhaft mit Small Talk („Na, schon mit Lernen angefangen?“). Muss das sein? Einvernehmliches Schweigen kann man auch einfach mal aushalten – oder sogar genießen.

Schwarmintelligenz

Was mich am meisten nervt, ist gedankenloses Plappern aus Unkonzentriertheit. Am häufigsten beobachte ich das in der Fh. Bei manchen Plappermäulern scheinen die Gedanken sonst wo herumzuschwirren, aber sie haben keinen Fokus, sie sind nicht bei sich. Sie hören in der Vorlesung kurz zu, schnappen ein Wort des Dozenten auf, müssen sofort beim Sitznachbarn nachfragen, was das heißt, darüber diskutieren, vielleicht jammern oder lästern, während sie die nächste Info natürlich schon wieder verpassen. Hallo, wie wär´s mit konzentriertem Schweigen? Wenn das nicht geht, kann man immer noch den Hörsaal verlassen oder etwas anderes am Laptop erledigen und seine Zeit besser nutzen. Aber sich so der Zerstreuung hingeben, diese dann auch noch hinausposaunen und andere vom Zuhören abhalten? Echt nervig!

Schweigen
„Was hat der Prof gesagt? Wie soll ich das machen? Menno, wir müssen so viel lernen!“ – Manchmal kommt mir das Geplapper in den Hörsaalreihen vor wie ein aufgeregter Zoo. Wie angenehm es wäre, wenn alle mal ihren Schnabel halten würden!

Weltbester Ratgeber?

Fallen euch auch oft tausend Ratschläge auf einmal ein, wenn euch ein Freund von Problemen oder Neuigkeiten erzählt? Das ist auch meine Baustelle: Ich habe oft den eifrigen Impuls, sofort alles aus der Ratgeber-Kiste zu kramen, was mir einfällt. Aber manchmal braucht der andere einfach nur ein Ohr, eine menschliche Gegenwart, einen wortlosen Trost. Ratschläge können da altklug oder unsensibel wirken. Einfach mal schweigend zuhören kann Gold wert sein! Anschließend kann man immer noch nachhaken, ob ein Ratschlag gewünscht ist.

Das Ende vom Lied

Jeder plappert mal, ob aus einer Gefühlsregung, aus Erwartungsdruck oder Unkonzentriertheit heraus. Das ist menschlich und manchmal ist Reden statt Schweigen angebracht. Ich finde nur, man sollte sich mal selbst bewusst machen: Wie oft sage ich eigentlich Sätze mit Gehalt und wann werfe ich mit sinnlosen Worthülsen herum? Wie fühle ich mich damit? Wie hoch ist mein Redeanteil in Gesprächen – lasse ich den anderen genügend zu Wort kommen? Bin ich vielleicht introvertiert und bräuchte mehr Stille, die ich mir durch gedankenloses Geplapper selbst raube? Ich finde, wir sollten weniger dekadent und stattdessen achtsam mit Worten umgehen. Momente seltener durch unbedachte Äußerungen entwerten. Weniger Monologe, mehr Dialoge führen. Dann sind Gespräche wieder mehr wert, man gewinnt mehr Zeit für Selbstreflexion und Rückzug, man kann sich besser konzentrieren, besser zuhören, zufriedener und authentischer sein. Das können wir alle schaffen, oder?

Sind euch manche Menschen auch zu redselig und aus welchen Gründen? Entlarvt ihr euch manchmal selbst als Quasselstrippe? Wann ist Schweigen für euch sprichwörtlich Gold wert?

6 Antworten auf „Schweigen ist Gold

  1. Liebe Fran

    Oh ja, die Situation in der Vorlesung kenne ich nur zu gut. Der Lehrer erklärt etwas und meine Banknachbarin fragt bei mir sogleich nach, wie das nochmals war. Entweder erkläre ich es ihr und verpasse dafür, wie es weitergeht – und muss dann erstmals selbst nachfragen. Oder ich mache eine komische Handbewegung um zu symbolisieren „ich erklärs später.“ Dabei würden wahrscheinlich die Hälfte der Fragen ganz von selbst beantwortet werden, wenn man nur mal die Erklärung zu Ende anhören würde. Aber für einige Menschen scheint dies ein Unmögliches zu sein…
    Ich als Introvertierte habe häufig Schwierigkeiten mit Konversationen. Denn Gespräche mit Leuten, die nicht auf der gleichen Wellenlänge sind, fallen mir nicht natürlich. Ich wünsche mir, die Sprache und die Worte würden einfacher kommen, doch ich muss immer aufpasse, dass ich nicht leere Worte vor mich hinbrabbel oder am Morgen jemanden mit ‚endlich scheint die Sonne wieder!‘ begrüsse. Doch wenn es darum geht, gehaltvollere Gespräche zu starten, bin ich total unbeholfen. Dabei weiss jeder, der schon mal so ein Gespräch hatte, wie wunderbar sie sind, und wie gut man sicher nachher fühlt. Ich wünschte, manchmal fände ich leichter die richtigen Worte!

    Alles Liebe
    Zoey

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    1. Hallo Zoey,

      deine Schilderungen kann ich gut nachvollziehen! Zudem ist es mir als harmoniebedürftigem Menschen oft auch noch unangenehm, den nervig fragenden Sitznachbarn abzuwürgen. Dabei sollte man hier ruhig zu seinen Bedürfnissen stehen (zumal Extrovertierte meist ohnehin nicht so sensibel sind).
      Die Hin- und Hergerissenheit zwischen „Ich mag keinen Small Talk“ und „Ich traue mich nicht, gleich tiefgründig mit jemandem zu reden“ kenne ich auch gut. Darum spare ich mir die gehaltvollen Gespräche meist einfach von Vornherein für Freunde oder gute Bekannte auf. So kann man auf neue Kontakte ohne überhöhte Erwartungen zugehen – und manchmal ergibt sich dann doch ab und an ein authentischer Austausch, der keine Floskeln nötig hat. :)

      Danke für deinen Kommentar und viele Grüße!
      Fran

      Gefällt 1 Person

  2. Die Situation im Hörsaal ist wohl das beste Beispiel… 😉 Und mich hat das manchmal auch sehr gestört. Klar, hin und wieder habe ich auch mit Freunden getratscht – aber irgendwie hatten wir den Dreh raus, trotzdem alles Wichtige mitzubekommen.
    Ich rede gern und ich rede gern viel. Aber mittlerweile bin ich lieber wieder für mich. Es interessiert mich immer weniger, was andere von mir halten – vermutlich eine Reaktion auf die Lehren in Bezug auf falsche Freundschaft und kaputt gegangene Freundschaft, aber auch das Bewusstwerden, dass es Leute gibt, mit denen es zeitweise gut funktioniert hat und jetzt eben nicht mehr. Es ist vermutlich nicht mal einer dran schuld. Es passiert eben. Dafür gibt es die besonderen Leute, die einfach da sind. Egal wann oder wie. Wenn man sie braucht – dann sind sie da. Und wenn sie nur am Telefon sitzen und dir beim Weinen zuhören.
    Ich höre mir auch viele Sachen wieder genauer an und versuche wirklich, mich einigermaßen zu bremsen – teilweise auch, weil mir ein steigender Konkurrenzkampf aufgefallen ist, was ich vorher auch nicht kannte. Aber da ich einige Male üble Erfahrungen gemacht habe, reduziere ich meine Äußerungen immer mehr. Anscheinend verdienen es einige Leute nicht, dass man ihnen auch nur eine winzige Nebensächlichleit gegenüber erwähnt. D.h. ich rede eben nur mehr mit einigen wenigen Leuten – und da gibt es ein ausgeglichenes Geben und Nehmen, gegenseitiges Fragen, Helfen, Beraten. Und darüber bin ich froh.

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    1. Hi Astrid,

      da scheinst du dich ja wirklich durch Selbstreflexion in eine Richtung weiterentwickelt zu haben, die dir gut tut – das ist schön, zu hören! Ich denke auch, dass man vor allem sich selbst einen Gefallen tut, das richtige Umfeld und die richtige Situation zum Reden abzuwarten. Bei Menschen, denen man vertraut, kann man dann ungehemmt drauf los plappern. :) Denn hier bekommt man etwas zurück, egal ob in Form von Worten oder, wie bei deinem Beispiel mit dem Weinen am Telefon, von tröstendem Schweigen. Danke für deinen Beitrag und noch einen schönen Sonntag!

      Fran

      Gefällt 1 Person

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