Der Filmdreh und ich

Ein Filmdreh als Studienprojekt – meine Kommilitonen waren größtenteils Feuer und Flamme, einen auf Drehbuchautor, Regisseur und Kameramann zu machen. Was ich davon hielt? Da ich eher Rowling als Spielberg zum Vorbild habe, konnte ich entsprechend wenig mit dieser Form von Kreativität anfangen. Aber lest selbst von meinen Eindrücken am (Amateur-)Set…

Schon privat schaue ich so gut wie nie Filme (siehe Filme oder Serien) und habe nicht wirklich den Blick für ästhetische Motive oder clevere Bildauschnitte. Aber da es sich nun mal um ein Pflichtmodul der Fh handelte, musste ich wohl in den sauren Apfel beißen. In der Theorie ahnte ich schon, dass es einiges an Aufwand, Geschick und vor allem Übung brauchte, um einen halbwegs guten Film zustande zu bringen. Begriffe wie Framerates und Shutter, goldener Schnitt und Dolly Zoom flogen mir um die Ohren. Am Ende war ich halb erschlagen und kaum ermutigt vom zuversichtlichen Spruch der Videoerfahrenen unter uns: „Learning bei Doing!“

Also dann, Kamera an, oder? Machen die YouTube-Stars doch schließlich auch so. Von wegen. In unserer Gruppe folgte erst einmal eine anstrenge „Preproduction“-Phase, wie man das professionell sagen würde. In der Praxis heißt das, sechs Leute diskutieren chaotisch im Kreis, bis endlich die grobe Idee steht. Dann werden Kameraeinstellungen, benötigte Technik, Requisiten und Locations festgelegt – fertig ist der Drehplan.

Der Unterschied zwischen Filmdreh und Film

Schon bei der ersten Szene standen wir alle ratlos um die Kamera herum und probierten stundenlang, wie man Fokus, Blende und Weißabgleich einstellen sollte, geschweige denn vom Einschalt-Knopf. Da waren mir die Lichter sympathischer: aufdrehen, dimmen, fluten, spotten, warm- oder kaltweiß und das am besten als Drei-Punkt-Beleuchtung. Wir fanden leider nicht heraus, warum das taghell erleuchtete Schlafzimmer der Kommilitonin, in dem wir unter den Scheinwerfern schwitzten wie verrückt, in der Kamera trotzdem grau und blass aussah. „Naja, korrigieren wir in der Postproduktion“, ermutigten wir uns gegenseitig. Im Laufe des Drehs hielt ich mich am liebsten im Hintergrund auf, beschriftete die Klappe (ja, dieses Klischee-Objekt ist tatsächlich hilfreich), präparierte Requisiten (z.B. einen Blutbeutel mit Kirschsaft füllen) oder nahm den Ton mit dem Aufnahmegerät „Roland“ auf. Die ständigen Absprachen, die Set-Aufbaus und die Sichtung der unzähligen Takes waren wahnsinnig anstrengend und ich wollte schon nach dem ersten Tag nur noch alleine sein. Kennen die introvertierten Personen unter euch diesen Social Overload?

Nachdem die Indoor-Szenen nach zwei Tagen abgedreht waren, wurde es ungemütlich. An Drehtag Nummer drei, einem Samstagabend, standen wir bei drei Grad und Nieselregen auf einer windigen Aussichtsplattform, die Regenschirme tapfer über der Technik haltend, und kämpften mit Kamera und Kälte. Im Film sieht es so aus, als ob zwei Freundinnen mit Wunderkerzen einen romantischen Ausblick über die Stadt genießen. In Wirklichkeit fackelten wir hektisch 40 Wunderkerzen ab und drehten sie unter strengen Anweisungen der Kamerafrau („Höher! Die linke weg! Lass die alten fallen!“) möglichst präsentabel vor der Linse. Anschließend sollte unsere Protagonistin ganz romantisch Glitzerstaub in die Kamera pusten, vor die wir in weiser Voraussicht Plexiglas hielten. Natürlich hatten wir uns selbst nicht abgedeckt. So stiegen eine Stunde später sechs frierende, kurios glitzernde, triefnasse Gestalten mitsamt 50 Kilo Technik wieder in die beiden Autos und fuhren von dannen.

Filmdreh
So sieht meine liebste kreative Zone aus: Keine Menschen, kein Lärm, kein Chaos.

Die Postproduktion ist ein bisschen angenehmer: Man sitzt im Schnittraum und schnipselt in Adobe Premiere die Szenen aneinander, passt die Musik an und nimmt Farbkorrekturen vor. Am Ende war ich schon ein bisschen stolz, den fertigen Kurzfilm zu sehen. Andererseits waren es die Mühe und vor allem die anstrengende Teamarbeit für mich nicht wert. Vor energiegeladenen Hobbyregisseuren, die in ihrer Freizeit ständig neue Filmideen schreiben, mit ihrer zehnköpfigen Crew bei jedem Wetter filmen und nächtelang schneiden, habe ich Respekt – ich bin mir aber jetzt sicher, dass ich diese Leidenschaft niemals teile könnte. Um nicht zu sagen: Es wäre mein energieraubender Alptraum, mich jedes Mal auf´s Neue durch chaotische Drehpläne, komplexe Produktionen und tagelange Nachbearbeitungen zu kämpfen. Denn als introvertierter Mensch bin ich gerne für mich allein und liebe es, in der Stille zu schreiben oder zu basteln, die Natur zu fotografieren oder entspannt vor mich hin zu kochen. Durch das Projekt sehe ich meine Lieblingsserien jetzt aus einem neuen Blickwinkel – die Perspektive wechseln will ich aber trotzdem nicht.

Seid ihr am liebsten im stillen Kämmerchen kreativ oder erschafft ihr lieber etwas im Team? Habt ihr Erfahrungen im Filmdreh? Wenn nicht, würde es euch interessieren?

(Bildquelle des Beitragsbilds: Pixabay)