Gefangen in der Lethargie

Ich möchte mal wieder eine Erkenntnis mit euch teilen, für die ich locker fünf Jahre gebraucht habe (ja, ich bin sehr schlecht und langsam darin, meine Gefühle und Bedürfnisse zu benennen).

Ausgangssituation

Dazu muss ich bis Anfang Oktober ausholen. Es gab ein sehr langes Wochenende und ich fühlte mich schlecht. Ich hatte Fieber, Schweißausbrüche, Schwindel, Kopfweh und war sehr schwach. Na toll, Grippe, dachte ich. Nach fünf Tagen Ruhe war der Spuk vorbei. Ich fügte mich, wie es euch wahrscheinlich auch oft ergeht, schnell wieder in den Alltag ein. Doch dann kam der November. Und wieder ein langes Wochenende. Und wieder lag ich mit denselben Symptomen krank im Bett. Doch der Arzt konnte nichts feststellen und verordnete lediglich Ruhe. Und ich lag. Und lag. Und lag. Mehr als zwei endlose Wochen lang. Keine Arbeit, keine Uni, nichts. Als es mir langsam wieder besser ging, fühlte ich mich dennoch schwach. Ich war von den leichtesten Alltagsaufgaben erschöpft. Sechs Stunden Uni? Nur auszuhalten, wenn ich um 20 Uhr ins Bett ginge. Geschirr abspülen, Wohnung aufräumen, einkaufen, lernen? Alles zu viel für mich. Stattdessen legte ich mich ins Bett und las. Oder verplemperte anderweitig meine Zeit. Deadlines reizte ich bis zur letzten Sekunde aus, was ich überhaupt nicht von mir kannte. Oder ich erledigte manche Aufgaben einfach nicht, weil mir die Folgen egal waren. Was war nur los mit mir – seit wann bin ich die personifizierte Lethargie?!

Lethargie loswerden

Nach einer weiteren Woche vertraute ich mich schließlich Fran an. Solange hat es nämlich gedauert, bis ich mein verändertes Verhalten selbst reflektiert hatte. Und sie meinte nur: „Kein Wunder, dass du in so einer Phase bist, bei dem Stress, den du im Sommer hattest.“ Hm. Ich grübelte. Tatsächlich. Die Lethargie-Phasen hatte ich früher regelmäßig (wie gesagt, ich bin nicht die Schnellste :D) und es wäre komisch, wenn ich sie jetzt NICHT hätte. Denn ich hatte im letzten halben Jahr fast nur Stress und Ärger und keinen Tag Pause davon.

  • Ab Mai: Am schlimmsten belastet hat mich das Horrorprojekt, das jede Faser meiner Psyche, meines Körpers und meines Kalenders ausgefüllt hat. Daneben natürlich die ständigen Anforderungen der Uni, regelmäßige Hausaufgaben, Befragungen von Experten und so weiter. Gleichzeitig musste ich noch arbeiten, wobei diese Belastung eher gering war. Im Juli warteten noch Klausuren auf mich. Im ganzen Semester hatte ich genau zwei freie Wochenenden. Alles machbar, solange ich anschließend Zeit zum Abschalten gehabt hätte.
  • Ab August: Im Sommer ballte sich dann jedoch alles: Vollzeitpraktikum, Nebenjob und Hausarbeiten parallel zu schaffen, ließ keinen Raum mehr für mich selbst oder meine Hobbys. Zwölf Stunden durcharbeiten war keine Seltenheit.
  • Ab Oktober: Punktgenau mit Ende dieser Phase begann schon wieder das neue Semester mit all seinen Anforderungen. Pause? Es gab mal ganze zwei Tage, die ich für einen Städtetrip nach Köln genutzt habe. Ok, es war eigentlich nur ein Wochenende. Wie war das mit dem Urlaub nach dem Semester?

Unabhängig davon, ob es sich für euch nun nach viel oder wenig anhört, war es für mich de facto einfach zu viel. Ist doch klar, dass ich nicht ewig wie Super Woman durch die Welt jumpen kann, wir sind ja alle nur Menschen. Das liegt übrigens auch am Studium: Man hat keine 30 Tage Urlaub im Jahr, in denen man entspannen kann. Oder freie Wochenenden ohne WhatsApp-Gruppen für Projektbesprechungen. Oder Krankschreibungen, in denen die Verpflichtungen kurz anhalten, um einen genesen zu lassen.

Die Lehre daraus

Was ich daraus gelernt habe: Ich muss selbst für meine Erholung sorgen oder ich falle andernfalls regelmäßig in diese kontraproduktiven Krankheits- und Lethargie-Phasen. Als Workaholic ist das echt nicht einfach. Ich habe nie verstanden, warum man lernen sollte, Stopp zu sagen. Ein weiteres Projekt geht schon noch, oder? Jaja, alles klar. Und in zwei Monaten liege ich wieder krank im Bett, weil mir die Puste ausgeht. Ich bin bei weitem noch nicht soweit, ein ausgeglichener Mensch zu sein oder mich und meine Bedürfnisse richtig einzuordnen. Aber das war mir hoffentlich die letzte Lehre dieser Art!

Ratschläge, um Lethargie-Phasen vorzubeugen:

  • Regelmäßig abschalten: das Handy, den Kopf, den Körper. WhatsApp-Gruppen übers Wochenende stummschalten, nicht an den bevorstehenden Berg Arbeit denken und den Körper mit etwas Bewegung fit halten.
  • Stopp sagen: Wenn ihr in drei Jahren auf euer Leben zurückblickt, sind diese ganzen Projekte, in die ihr jetzt eure Energie steckt, doch nur Peanuts. Ihr müsst weder perfektionistisch sein, noch beweisen, wie viel ihr schaffen könnt. Sagt einfach Stopp, wenn noch jemand seine Aufgaben bei euch abladen möchte.
  • Hobby finden: Wenn ich meine Lieblingshobbys in meinen Alltag einbaue, habe ich automatisch eine Erholungsoase geschaffen. Sei es schweißtreibender Sport, Musik machen, lesen oder malen. Ihr habt noch nicht das richtige Hobby gefunden? Fragt euch: Wenn ich alles Geld der Welt hätte, eine perfekte Beziehung und alle meine Wünsche in Erfüllung gehen würden, was würde ich dann tun?
  • Anforderungen runterschrauben: „Ich will diesen Monat noch Gitarre spielen lernen, zehn Bücher lesen, Sport machen und anfangen, für die Klausuren zu lernen! Außerdem stehen drölfzig Dinge für heute im Bullet Journal. Ich habe keine Zeit! Ich habe Stress!“ Ja, das stimmt. Aber es ist vermeidbarer Stress. Macht aus einem Monat drei und ihr werdet eure Zeit stressfrei und sinnvoll aufteilen, sodass am Ende alles klappt statt – wie in der Lethargie-Phase – gar nichts davon.

Habt ihr so eine Lethargie-Phase auch schon mal erlebt? Wie beugt ihr dieser vor? Wie kommt ihr wieder heraus? Was sind eure Ratschläge für Stressmagneten und Workaholics?

Zum Weiterlesen: Im Beitrag Schwung statt schlingern schreiben wir darüber, wie wichtig es ist, das Leben trotz Schlingern und solcher Lethargie-Phasen in Schwung zu halten.

Beitragsbild: pixabay/jnusch