Warum ich nicht perfekt sein will

Wenn ihr jetzt eine Rede erwartet, warum niemand perfekt ist und doch jeder Mensch auf seine Weise, muss ich euch leider enttäuschen. Ich glaube, das Thema wurde oft genug behandelt. Nein, der Grund, warum ich nicht perfekt sein will: Perfektion ist ineffizient.

Okay, wenn man ein Projekt für einen Chef plant, bleibt einem nichts anderes übrig, als jedes Fitzelchen perfekt zu machen. Aber reden wir mal über Aufgaben, bei denen man selbst der Boss ist. Sagen wir,  ich bereite ein Referat für die FH vor. Ich würde jetzt also überlegen, welche Literatur ich brauche und wie meine Gliederung aussieht, dann würde ich diese nach und nach ausarbeiten. Am Ende habe ich ein vertretbares Ergebnis, hinter dem ich stehe. Aber muss ich dafür zehn statt sieben Fachbücher wälzen? Nein. Muss meine PowerPoint-Präsentation besonders toll aussehen? Nö. Bin ich ganz, ganz sicher, dass nirgendwo ein Fehlerchen steckt? Irrelevant! So denken zumindest effiziente Menschen. Tipps, wie man in der Praxis effizient handelt, findet ihr übrigens in Siris Beitragsreihe „Effizient leben“.

Und dann gibt es die Perfektionisten unter uns. Sie widmen jedem Teilbereich ihre maximale Hingabe. Zwischen ausgedruckter Fachliteratur werden bunte Klebezettel beschriftet. Das Handout ist bereits ausgedruckt – hatte der Prof zwar nicht verlangt, aber VIELLEICHT fällt ihm ja spontan ein, dass er eines haben möchte. Man kann ja (angeblich) nie wissen. So, jetzt noch die Karteikärtchen beschriften und auswendig lernen, fertig! Oder lieber doch nochmal alles durchgehen? Ihr könnt euch denken, dass man mit der perfektionistischen Methode dreimal so lange braucht. Ist es das wert?

Nicht perfekt
Effizienz ist der eingebrachte Aufwand, mit dem ein bestimmtes Ziel erreicht wird. Übrigens: Für diese Skizze habe ich ca. zwei Minuten aufgewendet. Hätte es euch mehr gebracht, wenn ich eine halbe Stunde daran gemalt hätte? 😉

Perfektionisten als Vorbilder?

Das Pareto-Prinzip bestätigt meine Beobachtungen: In 20 % der Zeit stellt man 80 % des Projekts fertig. Um die restlichen 20 % perfekt zu machen, benötigt man 80 % der Zeit. Wer diese aufwenden will – bitte. Umso zweifelhafter finde ich es, dass Perfektionismus in unserer Gesellschaft zumindest im Arbeitsleben eine durchaus positive Konnotation hat. Perfektionismus wird assoziiert mit Sorgfalt, Kontrolle und vor allem persönlicher Motivation. Das sehe ich kritisch. Perfektion kann genauso gut etwas mit Versagensängsten, Leistungsdruck von außen oder Prokrastination (lieber zwei Stunden nach der richtigen Schriftart suchen, als das Projekt fertigzustellen) zu tun haben. Effiziente Menschen sind dagegen nicht etwa faul oder unsorgfältig – ich würde sagen, sie beweisen im Gegenteil Eigenverantwortung und ein gutes Zeitmanagement, da sie Aufwand und Ergebnis zueinander abwägen können!

Imperfektion als Zeitsparer

Natürlich gibt es Bereiche, in denen ich freiwillig Perfektion anstrebe: Herzensangelegenheiten oder Hobbies, bei denen mir das ewige Optimieren eben Spaß macht. Stellt euch vor, ein Fotograf, ein Umweltaktivist oder ein Seelsorger würde immer nur effizient arbeiten, statt für das beste Ergebnis auch mal eine Unsumme ineffektiver Stunden zu investieren. Aber zurück zum Alltag: Überlegt doch mal, wo ihr mit bewusster Imperfektion überall Zeit gewinnen könnt. Wenn ihr beim Kochen das Gemüse unsauber schneidet, weil es in der Pfanne sowieso vermengt wird. Wenn ihr eine E-Mail gewissenhaft abschickt, ohne vorher jeden Satz mit einer Kollegin abzusprechen. Oder wenn es nicht unbedingt die 1,0 in der Prüfung sein muss und ihr die Zeit für kreative Tätigkeiten oder Hobbies nutzt, statt jeden Satz auswendig zu lernen. Sollten wir uns nicht alle ab und zu für Nicht-Perfektion entscheiden, um wertvolle Zeit zu gewinnen?

Wie ist das bei euch? Handelt ihr meist effizient oder perfektionistisch? Wovon macht ihr das abhängig?