Zu nah

Networken, auf andere Leute zugehen, offen sein – das sind die heutigen Leitregeln für ein angeblich erfolgreiches Miteinander. Pech, wenn man als introvertierter Mensch zu Zurückhaltung neigt. Da ist es schnell passiert, dass es das Gegenüber mit Annäherungen gut meint, in einem selbst aber schon die Alarmglocken schrillen. Wo tritt euch jemand zu nahe?

Ein Schritt zu nah

Ihr habt bestimmt schon mal von der natürlichen Distanz nordeuropäischer Menschen gehört, die bei persönlichen Kontakten etwa einen Meter beträgt, bei öffentlichen Zusammentreffen sogar drei Meter. Manchmal frage ich mich, ob einige distanzlose Menschen vielleicht von einem anderen Teil der Erde stammen. Denn vor allem extrovertierte Menschen stellen sich im Alltag oft viel zu nahe vor mich hin oder setzen als Begrüßung gar zu einer Umarmung an, obwohl man sich kaum kennt. Sobald ich wittere, dass diese Geste der Distanzüberbrückung droht, versuche ich zunächst unauffällig, mich woanders hinzuwenden oder einen Schritt zurückzutreten, damit das Gegenüber erst gar nicht zu diesem unangenehmen Schulter-an-Schulter-Zusammenstoß ansetzt oder gar über meinen Rücken rubbelt, als wäre ich ein braver Hund. Klappt das nicht, gehe ich über zu Plan B: stocksteif stehen bleiben und aus der Ferne „Hi“ rufen. Hilft nichts? Auf zu Plan C: Hand hinstrecken. In letzter Instanz greift die Notbremse: „Sorry, ich will nicht umarmt werden.“ Ich frage mich, warum es manchmal so weit kommen muss. Ist es denn so unverständlich, dass ich nicht in Fühl- und Riechweite eines unbekannten Menschen gelangen will?

Smalltalk mit voller Breitseite

Ihr wisst ja vielleicht schon, dass ich Smalltalk nicht leiden kann (siehe „Die schlimmsten Floskeln“). Der Horrorgipfel ist erreicht, wenn dieser auch noch in meine Privatsphäre eindringt. Wenn mich eine Kommilitonin beim ersten Gespräch fragt, ob ich einen Freund habe. Wenn der Chef wissen will, was ich am Wochenende „ein bisschen getrieben“ habe. Oder wenn ein selten gesehener Mitbewohner nachhakt, wie oft ich meine Familie besuche. Einerseits hasse ich ausweichende Floskeln und will ehrlich sein, andererseits will ich keine privaten Infos mit Fremden teilen – Error!

Zu nah
Schade, dass gedruckte Zeitungen weniger werden – man kann sich so schön dahinter verstecken.

Zu einfache Fragen

Kennt ihr das, wenn euer Gegenüber unbedarft nach etwas fragt, was einen spontanen Hirnknoten bei euch verursacht? Einfache Fragen wie „Machst du Sport?“ überfordern mich manchmal, denn wo soll ich da anfangen? Ich will nicht „Ja, Fitness-DVDs“ stehen lassen, weil mich das in ein Licht rückt, mit dem ich mich nicht identifizieren kann. Also will ich eigentlich lang und breit erklären, was ich früher betrieben habe und warum ich das nicht mehr mache und was ich zukünftig plane – aber das wäre wiederum zu lang und uninteressant für den anderen. Und die Hauptsache: Ich will dem eher unbekannten Gegenüber eigentlich gar nicht so viel erzählen. Während diese Grübeleien durch meinen Kopf rattern, ist der andere meist schon mit den Gedanken woanders und deutet mein ratloses Stottern vermutlich als soziale Inkompetenz. Womit er gar nicht mal so Unrecht hat.

Zu nah

Klingt egoistisch, aber ich möchte nicht ins Gefühlleben unbekannter Menschen reingezogen werden. Stellt euch vor, ihr seid in der Uni in einer Gruppe, mit der euch außer der Projektarbeit nichts verbindet. Jetzt sagt einer: „Sorry, dass ich meinen Teil nicht erledigen konnte, mein Freund und ich haben uns getrennt und ich bin so fertig deswegen.“ – Klar, Verletzlichkeit macht sympathisch. Zu viel Offenheit überfordert aber. Mich zumindest. Denn wie soll ich jetzt reagieren? Mitgefühl wäre gelogen, da ich wie gesagt ein Fremder für die Person bin. Ebenfalls Offenheit zeigen ist mir auch zu früh. Ignorieren wäre allerdings unhöflich. Smalltalk kann ich nicht. Was jetzt? 😀

Kennt ihr solche Situationen, in denen andere eure Grenzen überschreiten oder euch zu nahe treten? Wie geht ihr damit um?

Bilderquelle: Pixabay