Ausbildung oder Studium?

Nach der Schule ist vor der Schule – solltet ihr also eine Berufsausbildung beginnen oder lieber ein Studium aufnehmen? Und was ist, wenn ihr scheitert, wenn ihr die falsche Entscheidung getroffen habt? Keine Angst, das habe ich damals auch. Und mein damaliges „Scheitern“ empfinde ich heute als positiv. Warum das so ist, möchte ich anhand meines Lebenslaufs erzählen und euch hoffentlich Mut machen.

Während des Abiturs

Meine Berufswünsche waren so vielfältig wie unstet. Mal wollte ich Polizistin werden, mal Hotelmanagerin und dann doch Geoökologie studieren, um der Umwelt etwas Gutes zu tun. Als es aufs Abitur zuging, hatte ich immer noch keine konkreten Pläne und wusste nur, dass ich lesen und Bücher liebte. Ich war in unzähligen Berufsberatungen an unserer Schule, die mir immer wieder bescheinigten, ich solle doch etwas mit Sprachen studieren – nur, weil ich im sprachlichen Zweig war. Vielen Dank auch. Auf das Thema Ausbildung ging tatsächlich niemand ein, höchstens natürlich auf Abiturientenausbildungen, wie zur Euro-Industriekauffrau. Oder zur guten, alten Bankkauffrau. Ist ja immerhin ein angesehener Beruf und brächte mir in unserer Kleinstadt sicherlich viel Ansehen ein. Stattdessen tat ich etwas, was sich zunächst als riesengroßer Fehler herausstellte.

Das Germanistik-Studium

Als ich mit 17 das Abitur ablegte, war ich geistig etwa so reif wie eine grüne Banane. Von Zuhause ausziehen? Sich alleine an einer Uni zurechtfinden? Niemals. Also durchforsteten Fran und ich die Homepage der örtlichen Universität nach Studiengängen, die zu uns passen könnten (ja, uns gab es bis dato nur im Doppelpack!). Wir stießen auf „Germanistik mit Nebenfach“. Das klang doch super! Den ganzen Tag nur Bücher lesen und ab und zu die Vorlesungen zu besuchen, bekämen wir schon hin. Als Nebenfach suchten wir uns Rechtswissenschaften aus, falls das mit Germanistik scheiterte. Naja. Spätestens als wir mittelhochdeutsche Texte übersetzen sollten und unsere Lernlücken immer größer wurden, wussten wir: Nein, studieren ist nix für uns. Exmatrikulation!

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Dieses Motto hätte ich damals lieber mal beachtet! Na gut, so richtig befolge ich es heute auch noch nicht.

Die darauffolgende Zeit war ziemlich schlimm für mich. Ständig musste ich mich für meine Entscheidung vor anderen und mir selbst rechtfertigen. Ich rannte zwar von Vorstellungsgespräch zu Vorstellungsgespräch und landete in den seltsamsten Firmen, aber die Zukunft blieb dennoch ungewiss. Ich hatte zwar einen Übergangsjob in der Industrie, bei dem ich viel Geld verdiente, aber für die Zukunft war das keine Option. Langsam kamen dann die ersten Zusagen, aber mein Traumjob war nicht dabei. Kurz vor knapp, ich wollte schon einen für mich wirklich schlimmen Berufsweg annehmen, kam endlich die Erlösung: Ich hatte einen Ausbildungsplatz zur Medienkauffrau Digital & Print erhalten!

Die Berufsausbildung

Meine Ausbildung war vielfältig, bunt und lehrreich. Obwohl ich mich oft unterfordert gefühlt hatte, bekam ich doch sehr viele Einblicke und Skills, die ich heute in der Uni an vielen meiner Kommilitonen vermisse. Höflichkeit, Manieren, Respekt, Professionalität, … Die Zeit hat mich unglaublich stark wachsen lassen, mich Bescheidenheit gelehrt, wenn ich sie nötig hatte und Mut gegeben, wenn ich Selbstvertrauen benötigte. So eine Ausbildung öffnet einem natürlich sämtliche Türen. Nicht nur in der Firma, sondern generell. Irgendwo im Medienbereich käme ich immer unter, von daher habe ich sehr viel weniger Zukunftsängste als meine Kommilitonen. Und viel mehr Fachwissen! Die Berufsschule war für mich ein Klacks, zeitweise intensiv, weil ich während der Ausbildungszeit parallel ein Auslandspraktikum absolvierte und trotzdem alles sofort nachschreiben musste, aber dennoch relativ einfach. Doch da war immer eine Stimme in meinem Kopf …

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Während der Ausbildung drückt ihr die Schulbank und arbeitet parallel in einem Unternehmen.

Das Studium 2.0

Höher, schneller, weiter! Ich wusste, dass ich mit meiner kaufmännischen Ausbildung niemals zufrieden gewesen wäre. Ich brauchte mehr Wissen, mehr Abschlüsse und schließlich auch mehr Karriere! Ich verließ meine Firma, für die ich seitdem als Werkstudentin in Homeoffice arbeite, um irgendwas mit Medien an der Uni zu studieren. Die Uni und ich, das ist so eine Sache. Ich liebe es, mir neues Wissen anzueignen und in abstrakten Themen aufzugehen, die für alle außer Wissenschaftler ziemlich nutzlos sind. Ich hasse aber die vielen Referate, Gruppenarbeiten und Einschränkungen als Studentin. Ich arbeite einfach lieber praktisch, aufgeben kommt für mich aber überhaupt nicht in Frage. Denn der Abschluss ist es, der mir weitere Türen öffnen wird.

Der Weg ist das Ziel

Lange Zeit dachte ich, dass ich am Germanistik-Studium gescheitert bin. Doch das stimmt nicht. Ich musste eben auf die harte Tour erfahren, dass ich ein unreifes, unwissendes Kind war und keine hochgeistige, lebensbejahende Studentin. Am besten daran finde ich aber die Zeit zwischen Exmatrikulation und Ausbildungsbeginn: Ohne Witz, ich habe genügend Geld gescheffelt, das mir bis heute als Puffer dient. Ohne diese Zeit wäre mein Studentenleben jetzt nur halb so angenehm.

Dass Lehrjahre keine Herrenjahre sind, kann ich nun auch bestätigen. Als Azubi lernte ich, mich erst mal unterzuordnen und für mich selbst die besten Arbeitsstrategien herauszufinden, bis ich so viel Kompetenz entwickelt habe, um Verantwortung zu übernehmen. Ohne die zweieinhalb Jahre wüsste ich heute nicht, wo ich stünde. Als Fazit kann ich sagen: Ich würde alles nochmal so machen, denn für mich und meine Startbedingungen (jung und kein Geld) war dies der richtige Weg. Ich hätte nur lieber ins Ausland statt ins Germanistik-Studium gehen sollen. Was soll’s, dafür habe ich ja während des Studiums noch Zeit.

Als Fazit kann ich euch mit auf den Weg geben, dass eine Ausbildung vor dem Studium in meinen Augen viel zur persönlichen und fachlichen Reife beiträgt und ich diesen Weg wirklich jedem empfehlen würde. Ja, auch den Medizinern und Anwälten.

Seid ihr auch mal falsch abgebogen? Wie geht ihr mit eurem „Scheitern“ um? Oder steht ihr noch vor künftigen Entscheidungen und fragt euch, welche die richtige ist?