Alleine unter Nachbarn

Nachbarschaft hat viele Gesichter. Freundschaftliche Solidarität oder doch anonyme Klingelschilder – wo liegen die Vor- und Nachteile? Und gibt es einen Kompromiss, bei dem man unabhängig und zugleich gemeinschaftlich mit den Nachbarn wohnen kann?

Ich wohne in einem Studentenwohnheim mit fast zweihundert Bewohnern. Natürlich gibt es Gemeinschaftsküchen und sonstige soziale Treffpunkte, aber im Alltag lebt man eher für sich allein. Einerseits schätze ich die Anonymität und Unabhängigkeit (im Gegensatz z. B. zu kleinen WGs), andererseits würde ich mir manchmal einen persönlicheren, respektvolleren Umgang unter den Mitbewohnern wünschen. Aber wie viel Nähe zu Nachbarn ist eigentlich ideal? Schauen wir uns doch mal zwei Extrembeispiele an:

Maximale Nähe: Die Supernachbarn

Nachbarn
Supernachbarn sind manchmal ganz nett, oft aber ziemliche Energieräuber.

Typische Szenarien: Hören sie jemanden in der Küche, gesellen sie sich gleich zum Plaudern dazu. Sie tauschen hilfsbereit Mehl gegen Schraubenzieher und organisieren gemeinsame Abendessen inklusive selbstgemachter Nachspeise.

Typischer Satz: „Wann wollen wir denn mal wieder alle gemeinsam kochen?“

Vorteile: Man kann unterhaltsame Gespräche führen, vielleicht sogar etwas zusammen unternehmen und bei Problemen hat man einen Ansprechpartner.

Nachteile: Mit ein bisschen Pech findet man die Supernachbarn nicht wirklich sympathisch, sondern fungiert einfach als Redegefäß für ihre Monologe. Als meist extrovertierte Menschen rauben sie einem mit Smalltalk und Banalitäten die Energie. Im schlimmsten Fall fühlt man sich verpflichtet, auch ihnen eine gemeinsame Unternehmung oder nützliche Dienste anzubieten. Unverbindlich geht anders!

Minimale Nähe: Die Unsichtbaren

Nachbarn
Kennt ihr diese Nachbarn oder Mitbewohner, die laut Briefkasten und Klingelschild existieren, die aber noch nie jemand gesehen hat?

Typische Szenarien: Das Kühlschrankfach in der Gemeinschaftsküche ist belegt, man hört manchmal leise Schritte im Gang, doch man hat das zugehörige Phantom noch nie gesehen.

Typischer Satz: „Erledigt 19.09.17“ (Vermerk im Putzplan)

Vorteile: Man hat seine Ruhe und wird nicht zu sozialer Interaktion gezwungen.

Nachteile: Persönliche Gespräche oder solidarische Hilfsbereitschaft? Kann man vergessen! Da bittet man eher noch Freunde oder Kommilitonen, die weiter weg wohnen, um Hilfe, als nebenan an die Tür zu klopfen.

Der Kompromiss

Eine angenehme Nachbarschaft liegt wohl irgendwo zwischen den geselligen Klatschtanten und den ominösen Hausgeistern. Wie stellt ihr euch ideale Nachbarn oder Mitbewohner vor? Ich finde es hilfreich, alle Namen und die Eckdaten (Alter, Heimatort, Studiengang) der Person zu kennen. Ideal ist da ein Gruppenchat, der nicht nur aus einzeln in den Raum geworfenen Infos, Beschwerden oder Fragen besteht, auf die niemals jemand reagieren wird – sondern in dem man so miteinander umgeht, wie man es tun würde, wenn man zusammen um einen Tisch sitzt. Ein bisschen Respekt und Umgangsformen untereinander sind wirklich nicht zu viel verlangt – oder findet ihr, dass für solche virtuellen Gruppen andere Regeln gelten?

Natürlich gehört auch gegenseitige Rücksicht zu einer guten Nachbarschaft, indem man z. B. nicht herumlärmt, Dreck hinterlässt oder auf sonstige Weise stört. Außerdem würde ich mir einen Austausch mit Mehrwert wünschen anstatt von banalen Floskeln. Dann hätte man wirklich persönliche Gespräche und kein anonymes Wortgeplänkel. Denn trotz „Massenstudentenhaltung“ bildet man ja immer noch eine WohnGEMEINSCHAFT.

Habt ihr Supernachbarn oder Unsichtbare in eurer Umgebung und wie geht ihr mit ihnen um? Findet ihr es eventuell gut, sehr viel oder gar keinen Kontakt mit Nachbarn zu haben? Wo  seht ihr den idealen Kompromiss?