Hipster-, Nobel- oder Stammlokal?

Was wollen Menschen, wenn sie in ein Restaurant gehen? Gutes Essen genießen und sich vielleicht mit ihren Begleitern unterhalten. Zumindest geht es mir so, euch auch? Warum gibt es aber derart viele Lokalitäten, die bei mir ein beklemmendes Gefühl auslösen? Schauen wir uns doch mal die verschiedenen Restaurant-Typen an:

Die Hipster-Kette

Dieses Restaurant ist ausschließlich in den großen deutschen Städten beheimatet. Berlin, Hamburg, München und Köln sind die places to be. Aufgrund dieser Exklusivität ist der Laden jedes Mal gerappelt voll, wenn ihr dort essen möchtet. Aber die Betreiber sind schlau und haben die Fläche schon mit Tischen vollgestopft, sodass ihr euch endgültig durchgeschleust wie im Schnellrestaurant vorkommt. Was es letztendlich auch ist, denn nicht mal die Ikea-Pflanzkübel an der Wand lassen eine gemütliche Atmosphäre aufkommen. Die Bestellschlange an der Theke nimmt kein Ende und wenn ihr Pech habt, steht ihr auch noch in der falschen (je eine für vegetarisch und nicht-vegetarisch natürlich). Für einen Teller Spaghetti mit vegetarischer Bolognese und einen US-amerikanischen Eistee zahlt ihr um die zwölf Euro. Zum Vergleich: Zuhause könnt ihr dieselbe Mahlzeit für unter fünf Euro kochen und drei Tage lang daran essen. Vorteil der Hipster-Kette: Ihr habt ein trendiges Foto für Instagram und ein tolles Status-Update für Facebook. Unwohlseinfaktor: 7 von 10.

Das Hipsterlokal

Dieser Tempel der überteuerten Falafel-Bällchen unterscheidet sich in Standort und Umfang von der Hipster-Kette. Ein paar coole Leute aus eurer Kleinstadt kamen auf die Idee, ein völlig neuartiges Konzept (im Sinne von: bei den Amerikanern abgeschaut) hinzuklatschen. Und das seht ihr vor allem auf der Speisekarte. Avocadocreme mit Süßkartoffelpommes (7,50 €, wer wird davon bitte satt?!), handmade Veggieburger (vegan, glutenfrei, laktosefrei, 9 €), hausgemachte Rhabarbersaftschorle für 3,50 € und – mein absoluter Favorit – fünf Falafel mit Knoblauchdip aus der Tube für 8 Euro sind vier von fünf Standardgerichten, die ihr im hyperlokalen Hipsterlokal bestellen könnt. Aber wie? Gute Frage. Kellner, meist auswärtige Studenten, die euch locker-flockig duzen und so in ihren elitären Kreis der Coolness aufnehmen, gibt es zwar, meist aber nur hinter der Kasse. Muss ich wirklich vorne an der Theke bestellen? Getränke auch? Wo sind die Speisekarten? Brauche ich ein Tablett? Oder kommt doch ein Kellner vorbei? Wie machen es die anderen Gäste? Sind beim Burger Pommes dabei? Welche Dips kann ich wählen (und warum kostet der mit Knoblauch einen Euro mehr?)? Warum zur Hölle ist hier alles so kompliziert??? Schon vor dem Essen ärgere ich mich über die erwartete Coolness, das Chaos und die Preise. Vorteil des Hipsterlokals: Immerhin ist die Deko ganz hübsch anzusehen und das Essen halbwegs gesund. Unwohlseinfaktor: 8 von 10.

Das (vermeintliche) Nobel-Restaurant

Jede Kleinstadt hat es, jede Großstadt sogar eines an jeder Ecke: das völlig absurd überteuerte Nobel-Restaurant für die Mittelschicht. Weiße Tischdecken, glänzendes Silberbesteck, Kellner mit Weste, feine Gäste und unzählige abschätzige Blicke. Damit es nicht zu exklusiv wird, sitzt ihr auch hier Tisch an Tisch mit euren Nebenmännern und fragt euch, ob diese wirklich so reich und erfolgreich sind, wie sie sich nach außen hin geben. Während ihr unauffällig eure abgeranzte Umhängetasche unter den Tisch schiebt, kommt schon ein zugeknöpfter Kellner und richtet eure dreißig Gabeln korrekt aus. Mit der äußeren muss ich nun mein Wiener Schnitzel (20 €, Beilage: fertig gekaufter Kartoffelsalat, kein Ketchup) essen, oder? Ich versuche, mich möglichst fein und gediegen zu verhalten. Nicht kleckern, richtiges Messer verwenden, nur kleine Stücke abschneiden, Ellbogen nicht aufstützen. Alle fünf Minuten kommt der schnöselige Kellner vorbei und gießt mir mein Wasser nach. Kannst du mal aufhören, zu stören? Als ob ich das nicht selbst könnte. Ich bin vollkommen eingeschüchtert, unsicher und frage mich, warum man sich hier beweisen muss, statt einfach das zu tun, was man im Lokal tut: essen und reden. Mir kommt es so vor, als wären die Kellner die Jury, die jeden Gast bewerten und prüfen, ob sie es wert sind, in ihrem tollen Restaurant zu essen. Vorteil des Nobel-Restaurants: Menschen, die Statussymbole benötigen, können sich einen Abend lang als der bessere Teil der Gesellschaft fühlen. Unwohlseinfaktor: 10 von 10.

Das Restaurant um die Ecke

Der Grieche, Italiener, Asiate oder Inder um die Ecke wird meist im Familienbetrieb geführt. Niemand weiß genau, seit wann es ihn gibt. Seine Preise sind normal, er hat eine große Auswahl an Gerichten und großzügige Tische, sodass ihr mit der ganzen Familie anrücken könnt. Die Kellner sind stets freundlich, notieren gelassen eure Sonderwünsche und bringen sogar dem Hund unter dem Tisch hilfsbereit einen Wassernapf. Die Räumlichkeiten sind landestypisch dekoriert und das Essen schmeckt seit 20 Jahren vorzüglich. Vorteil des Restaurants um die Ecke: Gutes Essen, angemessene Preise, gemütliche Atmosphäre – was will man mehr? Unwohlseinfaktor: 0 von 10.

Fazit: Ich hasse es, in einer noblen Atmosphäre zu essen, weil es fürchterlich unangenehm und beklemmend ist. Die kochen auch nur mit Wasser und dadurch schmeckt das überteuerte Essen nicht besser!Auch die Hipsterlokale mit neuartigem Konzept finde ich zu chaotisch, da kann man sich doch nur blamieren, oder? Wollen die ein Wirtshaus mit McDonald’s-Konzept sein? Außerdem mag ich die gewollt familiäre Coolness nicht. Am liebsten koche ich mittlerweile selbst oder gehe zu gemütlichen kleinen Restaurants in meiner Nähe, die sich ans altbewährte Konzept halten.

Welche Art des Restaurants findet ihr am besten? Geht ihr gerne in Nobel-Restaurants? Wer von euch kocht gerne selbst?