Nachgedacht: Sprichwörter

Sprichwörter kennt ihr alle. Doch woher kommen sie und ist ihre Bedeutung eigentlich immer eindeutig? Ich werde das mal näher beleuchten – diskutiert gerne mit! Heute im Fokus:

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“

Herkunft

Höchstwahrscheinlich stammt der Spruch vom alten lateinischen Sprichwort: „Solamen est miseris socios habuisse molorum.

Das bedeutet: „Es ist ein Trost für die Unglücklichen, Leidensgefährten zu haben.“

Betrachtung

Der Spruch bedeutet, dass man schwierige Lebenssituationen leichter bewältigt, wenn man sie zusammen mit anderen durchlebt – ganz im Sinne der wörtlichen Übersetzung aus dem Lateinischen. Vertraut man seine Sorgen, Ängste oder Trauer jemandem an, fällt einem oft eine Last von der Seele. Dazu braucht man natürlich Mut und eine vertrauenswürdige Person. Ich sehe den Spruch als sinnvolle Ermunterung, sich anderen gegenüber zu öffnen, statt Kummer in sich hineinzufressen.

Dennoch kann man das Sprichwort missverstehen, wie ich finde. Wenn man ihn nicht aus der Perspektive des Leidenden betrachtet, sondern aus der Sicht des Zuhörers, würde es bedeuten: „Leide mit, um das Leiden des anderen zu halbieren.“ – Ein Aufruf zum Mitleid, das aber meist kontraproduktiv ist. Mitleid wird leider oft mit Mitgefühl verwechselt. Mir war der Unterschied auch lange Zeit nicht bewusst. Bei Mitleid versetzt man sich emotional in den anderen hinein, man leidet nach dem Motto „Oh, der Arme!“ mit dem anderen mit, vergleicht seinen Zustand mit dem anderen und fühlt sich genauso hilflos und unglücklich wie er. Logisch eigentlich, dass man dem Gegenüber mit Mitleid kaum weiterhelfen kann. Es vermehrt das Leiden in der Welt, statt es zu lindern. Aus dieser Perspektive müsste die Redewendung also eher lauten: „Geteiltes Leid ist doppeltes Leid.“  Mitgefühl dagegen bedeutet, objektiv und wertungsfrei Verständnis und Empathie für jemanden in Not aufzubringen, um ihm zielorientiert helfen zu können, wobei eigene Emotionen davon abgegrenzt bleiben. Wenn der Leidtragende dann auch noch bereit sein, seinen Kummer wie oben erwähnt zu teilen, hilft Mitgefühl durchaus, das Leid zu „halbieren“. In diesem Artikel vom Magazin „Zeit zu leben“ könnt ihr mehr über den Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid nachlesen.

Fazit

Ob ich dem Sprichwort zustimme oder ihn korrigieren möchte, liegt ganz an der Perspektive: Was gilt für den Leidtragenden und was für sein Gegenüber? Leidensgefährten halte ich für wichtig, Mitleid dagegen für absolut nicht angebracht. Zum Schluss gebe ich euch hiermit noch den positiven, zweiten Teil des Spruches mit auf den Weg, dem ich uneingeschränkt zustimmte: „Geteilte Freude ist doppelte Freude!“ 🙂

Wie seht ihr das? Habt ihr euch über Sprichwörter schon einmal Gedanken gemacht? Wie legt ihr das heutige aus?