Generation Beziehungsunfähig?

Theoretisch wissen wir doch alle wahnsinnig viel über die Liebe. Und dennoch scheitern viele unserer Beziehungen. Am Ende bezeichnet sich unsere Generation typischerweise als „beziehungsunfähig“. Liegt das möglicherweise an falschen Erwartungen?

Nachdem man eine Beziehung beendet und das Ende inklusive Herzschmerz, Taschentuchalarm und eimerweise Eiscreme überwunden hat (oder man sich bereits kurz danach viel besser fühlt als befürchtet), könnte man eigentlich optimistisch nach vorne blicken. Meistens spuken einem aber noch tausende Fragezeichen im Kopf herum, wie es eigentlich so weit kommen konnte. War das Ende nicht von Anfang an absehbar? Anscheinend musste sich erst der Schleier der Verliebtheit lichten, um zu erkennen, dass das ganze Konstrukt nicht funktioniert. Aber wie kann man dann zukünftig überhaupt seiner Einschätzung und seinen Gefühlen trauen, wenn man einmal so daneben lag? Ich glaube, manchmal stehen uns einige Denkweisen im Weg, von denen ich heute mal einige aus meiner Erfahrung heraus betrachten werde. Also holt euch eine Portion (oder einen Eimer) Eiscreme und teilt mir eure Meinung zu meinen Beobachtungen mit! 🙂

„Er/Sie ist der richtige Partner für´s Leben!“

Natürlich darf man auch mal von der Zukunft träumen oder zurückdenken. Aber man sollte sich nicht in Zukunftsplänen oder Vergangenheitsanalysen verlieren. Mir ging es oft so, dass ich manchmal nicht den Moment zwischen mir und dem anderen vollständig wahrgenommen habe, sondern damit beschäftigt war, mir eine vielversprechende Zukunft auszumalen oder befriedigende Abwärtsvergleiche mit Beziehungen in der Vergangenheit anzustellen. Demzufolge sieht man den anderen in der Gegenwart so, dass er ins Gesamtbild, ins Idealkonzept passt. Wenn man sich eines Tages endlich auf den Ist-Zustand konzentriert, ist da möglicherweise viel weniger, als man durch seine rosarote Brille gesehen hat. Die ganzen Pläne und Vergleiche können von der Gegenwart ablenken, von der Essenz der Beziehung. Ich hatte auch schon mal die Erkenntnis, dass ich ständig etwas Neues mit dem anderen unternehmen wollte, damit bloß kein Alltag, keine Gewohnheit aufkommt – ein Indiz dafür, dass der Partner einem im „normalen“ Leben wahrscheinlich zu langweilig ist oder dass man von irgendeinem Missstand ablenken will. Habt ihr auch schon mal so eine Erfahrung gemacht?

Generation Beziehungsunfähig
Es erfordert Kompromisse, individuelle Freiheit und die Geborgenheit einer Beziehung unter einen Hut zu bringen. (Quelle: Pixabay)

„Ich will eine Beziehung, um glücklich zu sein.“

In meiner Teenie-Zeit glaubte ich daran, dass man mit einem Partner glücklicher ist als alleine. Hattet ihr auch einige Teenie-Trugschlüsse beim Thema Beziehungen? Dabei ist ein Partner ja einfach ein Mensch, mit dem man Zeit, Gedanken und Gefühle teilt. Vor dem eigenen Unglück in eine Beziehung zu flüchten, ist keine gute Idee. In dieselbe Richtung führen Motive wie „Ich will nicht allein sein“ oder „Ich will auch jemanden, mit dem ich dies und das unternehmen kann“ oder „Ich möchte mich geliebt fühlen“. Auf Bestätigung angewiesen zu sein, führt zwangsläufig in eine ungesunde Abhängigkeit. Denn wem es an Selbstwertgefühl und einem gesunden Maß an Egoismus mangelt, der neigt dazu, seine ganze Energie in die Beziehung zu investieren und sich mit ihr zu identifizieren. Ich denke da an viele Frauen, die ihre eigene Identität aufgegeben zu haben scheinen und deren Sätze häufig mit „Mein Freund macht xy“ oder „Wir finden, dass xy“ beginnen (natürlich muss diese Verhaltensweise nicht immer auf ein mangelndes Selbstwertgefühl zurückzuführen sein). Aber auch der Gegenpol, nämlich der Glaube an die eigene Unabhängigkeit in jeder Lebenssituation, kann kontraproduktiv sein, was uns zum nächsten Punkt führt.

„Ich bleibe auch in einer Beziehung unabhängig.“

Es ist wichtig zu wissen, wer der andere ist, wer man selbst ist und was man in Kombination mit dem anderen sein kann. In der heutigen Zeit der Selbstverwirklichung will dabei kaum jemand mehr zugeben, dass man sich automatisch ein Stückweit von jemandem abhängig macht, den man liebt. Autonomie und Beziehung befinden sich mehr denn je in einem dauernden Spannungsverhältnis, die Maxime der modernen, emanzipierten Frau scheint einer emotionalen Abhängigkeit zu widersprechen. Ich denke, Bindung und Freiheit lassen sich in Form von sinnvollen Kompromissen dennoch gut vereinen. Ein Leben zu zweit ist anders als alleine, aber man muss es dabei nicht zwangsläufig als besser oder schlechter bewerten. Diese Erkenntnis finde ich wichtig, damit man in einer Beziehung das richtige Maß zwischen Rücksicht und Eigeninteresse findet. Denn am Ende geht es doch meistens nicht darum, Liebe zu finden – das tun wir alle instinktiv – sondern darum, sie aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren.

Fazit

Ich glaube nicht, dass unsere Generation beziehungsunfähig ist. Es gibt nur einige Denkweisen, die die meisten von uns schon einmal hatten oder immer noch haben, und die einer funktionierenden Beziehung im Weg stehen. Ob mich diese und andere Erkenntnisse in Zukunft weiterbringen, weiß ich nicht. Aber sie helfen mir dabei, vergangene Fehler oder Misserfolge zu erklären und zu akzeptieren, sodass deutlich weniger Fragezeichen oder Zweifel zurückbleiben. Vielleicht konnte ich euch auch einige Denkanstöße mit auf den Weg geben?

Was sind eure wichtigsten Erkenntnisse zum Thema Liebe oder Beziehungen?

10 thoughts on “Generation Beziehungsunfähig?

  1. Hallo 🙂

    Ich denke auch, dass in der heutigen Zeit viele einfach zu bequem sind an etwas zu arbeiten. Mittlerweile bin ich seit 9 Jahren mit meinem Freund zusammen und es war nicht immer einfach, aber man muss sich manchmal einfach zusammen reißen und Kompromisse eingehen!

    Liebst Linni
    linnisleben.de

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    1. Ich denke, dass sich das ganze Beziehungsthema aus dem gesellschaftlichen Wandel ergibt. Früher wurde zunächst zum Zweck geheiratet, um zum Beispiel Beziehungen zu stärken oder Besitztümer zu mehren. Gesellschaftliche Konventionen, wie Kinder erst nach der Ehe zu kriegen, wurden gewahrt. Scheidungen waren schon fast ein Ding der Unmöglichkeit, also haben die Menschen es eben miteinander ausgehalten. Glück sieht anders aus. Heutzutage ist das alles sehr viel einfacher: Wir können, wenn wir wollen, vollkommen unabhängige Individuen sein, fernab der gröbsten Konventionen (nicht allen). Wir können unehelich Kinder bekommen, ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen. Wir können gleichgeschechtlich zusammenleben (und neuerdings sogar endlich heiraten). Wenn einem der Partner nicht passt, ist es einfacher als früher, sich von ihm zu trennen. Erwartet ja niemand, dass man für immer zusammenbleibt.

      Meine Meinung: Wenn man sich bei jeder Kleinigkeit, die einen am anderen stören, trennt, wird man wahrscheinlich selbst auf Dauer unglücklich. Immerhin muss man sich dann von Beziehung in Beziehung stürzen. Irgendwann merkt man es dann, dass es an einem selbst liegt und wird gezwungenermaßen toleranter. Ich finde diese innere, geistige Entwicklung sehr viel besser, als wenn ich, wie früher, aus konventionellem Zwang mit dem Partner zusammensein müsste. Deshalb kann man, wie ich finde, die Generationen gar nicht miteinander vergleichen und sagen, dass eine ganze Generation beziehungsunfähig sei. Früher hatte man eben keine Wahl, man musste quasi beziehungsfähig sein.

      Kompromisse sind bei Streitigkeiten gut, aber das Leben sollte definitiv kein Kompromiss sein, finde ich. Was meint ihr zu der Sache?

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      1. Nein, das Leben sollte auf keinen Fall ein Kompromiss sein, aber damit beide Partner glücklich sind, sollte man hin und wieder ein Kompromiss eingehen. Natürlich nur, wenn auch beide mit diesem Kompromiss leben können, denn sonst macht die ganze Beziehung keinen Sinn, wenn man im Endeffekt sich für den anderen verändert. Veränderungen sind immer gut, aber man muss sie auch wollen oder akzeptieren können. Manchmal kommen auch Veränderungen von alleine und man merkt es erst später. Und das Beste ist ja, dass wir auch an uns selbst arbeiten können, sodass WIR am Ende glücklich sind!

        Liebst Linni

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  2. Hey, mal wieder ein super Post!

    Ich denke auch nicht, dass unsere Generation beziehungsunfähig ist. Ich denke, von Generation zu Generation haben die Menschen einfach unterschiedliche Pläne, versuchen aber zu krankhaft, einen Partner zu finden, genau um diese Pläne zu verwirklichen, anstatt den Menschen an sich zu sehen.
    Ich denke, wenn man sich nicht so verkrampfen würde und einfach alles auf sich zukommen lassen würde, aus einem Streit auch nicht ein Ende machen würde (denn meiner Meinung nach sind diese auch hin und wieder wichtig, man sollte dabei nur nicht den Respekt verlieren), und wenn man versteht, dass diese Pläne seine Zeit brauchen, welche auch vorhanden Ist wenn man das einmal verstanden hat, dann ist das ein Schritt in die richtige Richtung. Ich denke, um beziehungsfähig zu sein, fängt man bei sich selbst an, indem man viel über diese Pläne nachdenkt, sie in den Hintergrund stellt und sich auf den Menschen konzentriert, mit dem man Momente teilen möchte.

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    1. Das hast du sehr treffend analysiert 🙂 Tatsächlich ist heutzutage zu beobachten, dass eine erfolgreiche Partnerschaft oft als Teil der Selbstverwirklichung angestrebt wird, mit einem selbst als Individuum im Mittelpunkt, das ein Anrecht auf Liebe hat – der Partner als Mensch wird fast zur Nebensache. Dabei sind, wie du richtig geschildert hast, vor allem Respekt und Gelassenheit gefragt: Wenn man ungefähr weiß, wer man ist und was man will, kann man Augen und Herz ganz auf den anderen Menschen richten. Und auch zusammen entwickelt man sich ja weiter. Vielen Dank für deinen Beitrag!

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  3. Das ist echt ein schwieriges Thema – Also ich gehöre ja zur Fraktion, die sich als sehr beziehungsfähig sieht. Grund: Bin nun seit 8 Jahren mit meiner Jugendliebe zusammen. Es spielen glaube ich viele Faktoren eine Rolle. Im Vergleich zu früher war das Thema Heiraten viel größer geschrieben als heute – frei nach dem Motto: Ist der Braten in der Röhre, werden die Ringe ausgetauscht! Ich denke da stand früher ein größerer Zwang dahinter. Auch war es selbstverständlicher sich früh zu binden (Glücklich oder nicht) – Meine Oma fragt mich seit Jahren wann ich denn nun heirate.

    Ich würde fast schon behaupten, dass auch unsere Generation immer auf der Suche nach was neuem ist – jeder will innovation und neues erleben. Und so auch in der Partnerschaft. Wenn das alte nicht mehr passt, muss ein neueres Modell her (ganz plump ausgedrückt).

    Aber wirklich sehr interessantes Thema! 🙂

    Liebe Grüße ♥
    Nicci von http://www.gossip-gaga.blogspot.de

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    1. Das ist wirklich inspirierend, dass ihr schon so lange zusammen seid – gerade in der heutigen Zeit. Ich stimme dir zu, dass das Modell Partnerschaft von manchen geradezu als langweilig oder einengend empfunden wird und die Vorteile darüber vergessen werden. Danke für deinen Beitrag 🙂
      Viele Grüße zurück!

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  4. Ich kann nur 100% mit deinem Fazit mitfühlen. Diese Generation hat einfach einige falschen Vorstellungen von perfekten Partnern und beenden Beziehungen einfach viel zu schnell. Toll geschriebener Artikel!

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