Heimat

Was bedeutet Heimat?

Die einen verbinden mit Heimat den Ort, an dem sie aufgewachsen sind – andere den, an den sie immer wieder zurückkehren. Oder ist Heimat ein Gefühl, das sich überall auf der Welt erwecken lässt? Und was tun, wenn man sich nirgends so recht zuhause fühlt?

Bei mir waren Heimat und Zuhause lange Zeit dasselbe. In derselben Stadt, in der ich in den Kindergarten und die Grundschule ging, absolvierte ich auch mein Abi und meine Ausbildung. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich anschließend einfach nur weg wollte. Die vertraute Umgebung war natürlich irgendwie meine Heimat, doch sie engte mich ein. Mir kam es vor, als ob alle, die dort wohnen, einen eingeschränkten Horizont oder geringe Ambitionen hätten. Ehemalige Klassenkameraden, die für immer in ihrem Dorf nebenan wohnen bleiben wollten, fand ich geradezu bedauernswert.

Für das Studium zog ich zwar nicht allzu weit weg, aber trotzdem so weit, dass nicht von mir erwartet wurde, jedes Wochenende „nach Hause“ zu kommen – Freunde oder einen Verein hatte ich dort sowieso nicht mehr. So blieb ich bis auf wenige Besuche an meinem neuen Wohnort, nicht wie viele meiner Kommilitonen, die jedes freie Wochenende für einen Besuch bei der Familie nutzten. Ich erntete viele irritierte Kommentare („Wie, du gehst nur alle paar Monate heim?“), doch für mich sollte hier im Studentenwohnheim mein Zuhause sein.

Wohnort = Zuhause?

Okay, dieser Plan ging leider nicht ganz auf. Ich bin immer noch dafür, das Beste aus dem Wohnort hier zu machen, als zu pendeln. Die Vorstellung, für jedes Wochenende meine Koffer zu packen, Geld für Zugfahrten auszugeben und nie dauerhaft anzukommen, wäre mir zu stressig. Leider fühle ich mich hier aber auch nicht zu Hause. Dazu fehlt mir ein halbwegs angenehmer Lebensstandard (Stichwörter Mini-Zimmer, Gemeinschaftsbad und –küche und Lärmpegel im Studentenwohnheim), ein Garten oder zumindest ein Wald in der Nähe (naja, es gibt zumindest einen Park und die Weinberge) sowie vor allem ein soziales Netz. Ich bin zwar Mitglied im Tierheim vor Ort, soziale Kontakte knüpft man beim Hundeausführen aber eher spärlich. Mit den meisten Kommilitonen habe ich privat nichts weiter zu tun (was unter anderem daran liegt, dass viele über das Wochenende nicht da sind), Mitgliedschaften in weiteren Vereinen kommen für mich aus Kosten- und/oder Anfahrtsgründen nicht in Frage. Habt ihr Tipps, wie man sich am Studienort wohler fühlen kann? Gibt es jemanden unter euch, der aufgrund der weiten Entfernung nicht regelmäßig in seine Heimat reisen kann – wie geht ihr damit um?

Der Ort, aus dem ich stamme, ist auch jetzt nicht mein Zuhause und ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder dort zu wohnen (zu wenige berufliche Möglichkeiten, zu wenig Freizeitgestaltungsmöglichkeiten). Und doch sind der Ort und natürlich auch die Menschen dort meine Heimat, ich habe viele positive Erinnerungen und fühle mich dort (für begrenzte Zeit) wohl. Ich kann die Einstellung von Menschen, die für immer dort wohnen möchten, zwar nicht ganz nachvollziehen, sie aber mittlerweile verstehen und natürlich respektieren. Der Frust und das Gefühl der Einengung sind verschwunden.

Heimat
Heimat ist mit Emotionen verbunden – zu einem bestimmten Ort oder zu bestimmten Menschen. (Quelle: Pixabay)

„Home is where the heart is“

Heimat ist vor allem ein Gefühl. Für mich fühlt es sich ähnlich an wie Geborgenheit, Dankbarkeit und innere Ruhe – was assoziiert ihr mit Heimat? Das größte Heimatgefühl in mir erzeugt die Natur. Wenn ich in den Wald daheim eintauche, bin ich überwältigt von seiner Intensität und Fülle und zugleich von den Erinnerungen an die vielen Male, in denen ich hier mit unserem alten Dackel, mit dem Schlitten im Winter oder im sommerlichen Sportoutfit gelaufen bin. Auch die Natur an anderen Orten erweckt ein Gefühl von Heimat in mir – in einer Großstadt fühle ich mich dagegen automatisch weniger wohl.

Natürlich können auch Menschen eine Art „mobiles Zuhause“ sein. Wenn ich Zeit mit Menschen verbringe, die mir wichtig sind, rückt der momentane Ort in den Hintergrund. Ich glaube, ich würde mich hier am wohlsten fühlen, wenn ich meinen Wohnort dauerhaft oder zumindest regelmäßig mit Menschen teilen könnte, die mir wichtig sind. Was erzeugt bei euch ein Gefühl von Heimat? Geschieht das manchmal rein durch Erinnerungen oder gehören für euch immer auch Menschen dazu?

Erzählt uns gerne, was Heimat für euch bedeutet, welche Gefühle ihr damit assoziiert oder wie ihr euer momentanes Zuhause seht. Wir freuen uns auf eure Kommentare oder Nachrichten!

2 Antworten auf „Was bedeutet Heimat?

  1. Sehr guter Text! Er zeigt mir, dass Heimat in der Regel missverstanden wird. Man knüpft hohe, aber fragile Erwartungen dran, die nicht erfüllt werden können.
    Ich denke, unsere private Heimat hat eine Vergangenheit mit überwiegend positiver Prägung. Wer also eine schöne Kindheit erlebte, hat den Ort seiner Kindheit fest gebucht. Das macht man nicht, das ist. Man heiratet anderswo, kriegt Kinder, man hat alles gut auf der Reihe, einen Freundeskreis usw. und was geschieht? Heimat Nr. 2 ist entstanden, und dies ganz ohne unser Zutun. Es passiert. Dann zieht man um, und es lag eine Fehlentscheidung zugrunde. So entsteht kein Heimatgefühl. Wenn Negatives gefühlt überwiegt, wirds nix. Aber man hat es dann in der Hand, daraus eine Heimat zu machen. Das mag ein hartes Stück Arbeit bedeuten, aber umso wertvoller ist das Ergebnis!
    Ich denke, mehr ist nicht dran, an der Heimat. Da wäre noch die Intensität der Gefühle zu beachten. Gefühlsbetonte Menschen erleben Heimat / Nicht-Heimat intensiver als kalte Socken.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ein guter Gedanke! Heimat und Gefühl sind wohl ein untrennbares Duo. Insofern sollte ich es wohl ohne große Analysen auf mich zukommen lassen, ob ein Ort zur Heimat wird. Du hast auch erwähnt, dass dieser Vorgang „ein hartes Stück Arbeit“ sein kann – was verstehst du darunter? Ansonsten stimme ich dir zu, dass für viele Menschen Heimat wohl einfach einen eher untergeordneten Wert hat. Auch bei mir hat er mittlerweile an Gewicht verloren, ich beziehe Gefühle wieder weniger auf ein Hier- oder Dortsein, sondern einfach auf die Menschen um mich herum. Danke für deinen Beitrag!

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