Gruppenarbeit

Gruppenarbeit: Chaos oder Chance?

„Wir machen jetzt eine Gruppenarbeit und jedes Team fertigt ein Plakat an!“ – Gab es einen nervigeren Satz in der Schule? Auch später fordern Projektgruppen an der Uni oder auf der Arbeit unsere Teamfähigkeit (von der wir in Bewerbungen natürlich alle behaupten, dass wir sie haben!). Als introvertierte Person ist es einem unangenehm, immer viel beizutragen und kommunikativ sein zu müssen. Aber muss man das eigentlich?

Im Rahmen meines Studiums stieß ich auf ein interessantes Modell: Die Teamrollen nach Belbin.

Meredith Belbin war ein englischer Forscher, der in den 60ern mit der idealen Zusammensetzung von Rollen in einem Projekt-Team in verschiedenen Unternehmen experimentiert hat. Die acht Rollen, die er in seinem englischsprachigen Werk „Management teams – Why they succeed or fail“ herausgestellt hat, wurden weltweit in der Wissenschaft anerkannt und finden auch oft in Unternehmen Anwendung.

Die 8 Belbin-Rollen

Womit könnt ihr euch identifizieren?

  1. Koordinator

    „Bitte stellt nacheinander vor, was ihr seit dem letzten Treffen erarbeitet habt.“

    Der klassische Gruppenleiter, der den Überblick behält und Entscheidungen fördert
    Stärken: ruhig, selbstsicher, kontrolliert
    Schwächen: auf Qualifikationen und Wissen anderer angewiesen, da er nur leitet

  2. Macher

    „Ich hab meinen Teil für die Hausarbeit erledigt. Wir müssen bis Freitag die Präsentation fertig haben!“

    Ein dynamischer, aufgeschlossener Aktivist mit starker Meinung
    Stärken: arbeitet produktiv, auch oder vor allem unter Zeitdruck
    Schwächen: ungeduldig, reizbar, teilweise unaufmerksam

  3. Neuerer

    „Wisst ihr, was cool wäre? Eine App, die wir dann auch mit Instagram und Snapchat verbinden könnten! Ich kann da mal was entwerfen.“

    Der kreative „Spinner“ und Querdenker der Gruppe
    Stärken: bringt frische Ideen ins Team
    Schwächen: Probleme, mit konservativen Kollegen zusammenzuarbeiten oder sich an formale Vorgaben zu halten

  4. Beobachter

    „Hm, aber deine Idee können wir nicht innerhalb einer Woche umsetzen…“

    Der besonnene Skeptiker, der die Vorschläge der anderen nüchtern auf ihre Machbarkeit hin prüft
    Stärken: hohe Urteilsfähigkeit, „kühler Kopf“
    Schwächen: abwartende Art bringt wenig Motivation und Dynamik in die Gruppe

  5. Umsetzer

    „Wir müssen acht Seiten bis zum 15.6. abgeben, d.h. jeder macht am besten zwei Seiten, stellt sie immer in die Dropbox und wir besprechen das wöchentlich.“

    Der praxisnahe Organisator, der Entscheidungen in konkrete Aktivitäten überführt und eine klare Struktur und Zielsetzung braucht.
    Stärken: pflichtbewusst, fokussiert, zuverlässig
    Schwächen: Schwierigkeiten mit komplexen Situationen, die Flexibilität oder eine offene Diskussion erfordern

  6. Wegbereiter

    „Hey Leute, ich hab mal in der anderen Gruppe gefragt, wie die das machen. Die kennen ne Firma, von denen wir ein Angebot einholen können. Das hört sich voll gut an!“

    Der extrovertierte Networker, der gerne und viel redet und viele externe Kontakte hat, die er auch für die Gruppe aktiviert
    Stärken: kommunikativ, neugierig, stellt sich Herausforderungen, stellt externe Kontakte her
    Schwächen: oft zu optimistisch, wenig Durchhaltevermögen, mag keine Routinearbeit

  7. Teamarbeiter

    „Möchtest du auch was dazu sagen? Haben das alle verstanden? Will jemand einen Keks?“

    Der Helfer im Hintergrund, der alle Teilnehmer integriert, eine soziale Ader sowie ein offenes, vertrauensvolles Wesen besitzt.
    Stärken: sensibel, diplomatisch, sorgt für ein gutes Gruppenklima
    Schwächen: wenig entscheidungsstark, oft Konfliktscheu

  1. Perfektionist

    „Aber in der Aufgabe stand, wir sollen darauf noch eingehen, bevor wir zum nächsten Schritt gehen!“

    Der sorgfältige Qualitätskontrolleur, der auf alles achtet, um den Plan einzuhalten und nichts zu vergessen.
    Stärken: pünktlich und fristgerecht, gewissenhafte Arbeitseinstellung, gute Qualität seiner Arbeit
    Schwächen: würde am liebsten alles selbst machen und die Kontrolle haben, behindert Fortschritt des Projekts durch Überbesorgnis/-genauigkeit

Mit diesem Test könnt ihr eure Belbin-Rolle herausfinden!

Gruppenarbeit

Meine Rolle in der Gruppenarbeit – und ihre Probleme

Der Belbin-Test hat ergeben, dass meine stärkste Rolle der Umsetzer ist, danach kommen Macher und Perfektionist.

Was ich bei den Rollen als Problem empfand: Wenn ich meine Meinung, Motivation und mein Wissen einbringe, wirke ich manchmal autoritär und war in Kleingruppen dann manchmal ungewollt der Teamleiter. Von meinem Wesen her ist es mir aber unangenehm, vor oft fremden Kommilitonen das Wort zu ergreifen oder für die Gruppe sprechen zu müssen.

Interessant finde ich daher ein Kapitel in Belbins Werk über Erfolgsfaktoren über die eigenen Teamrolle hinaus. Darin hat er beobachtet, dass individuelle Charaktereigenschaften sich oft nicht mit der eigenen Teamrolle „vertragen“. Da sich aus dem Test ja 2-3 stark ausgeprägte Belbinrollen ergeben, sollte man in Projekten diejenige einnehmen, mit der man sich wohlfühlt.

Ich als Umsetzer mische mich neuerdings nur so weit in die Prozesse ein, wie es nötig ist, damit das Projekt zum Ziel geführt wird. So bin ich zufrieden mit dem Projekt und muss mich dennoch nicht ungewollt in den Vordergrund drängen. Meine „Macher-Macken“ (ungeduldiges Drängen, dass jemand seine Aufgaben erledigt) oder Perfektionist-Bedürfnisse (alles alleine machen, was sowieso nicht möglich ist) bringe ich bewusst nicht mehr zum Ausdruck.

Fazit

Ich mag Gruppenarbeit immer noch nicht – aber zumindest bin ich erleichtert, dass nicht jeder ein „Koordinator“ oder „Networker“ sein muss. Nur wenn die Rollenverteilung in der Gruppe ausgewogen ist, wird das Projekt zum Erfolg!

 Wie seht ihr das mit Gruppenarbeit? Kommt es vielleicht auch ganz darauf an, in welcher Gruppe man an welchem Thema arbeitet? Könnt ihr euch mit einer Belbin-Rolle identifizieren oder findet ihr andere Modelle besser?

6 Antworten auf „Gruppenarbeit: Chaos oder Chance?

  1. Es ist schwierig Gruppenarbeiten generell für toll oder nicht toll zu halten. Ich hatte einige Gruppenarbeiten und habe festgestellt, dass es immer auf die Leute in der Gruppe ankommt.
    Es kommt auch auf die Nationalität darauf an. Schweizerinnen arbeiten gerne als Supporter und eher in der ausführenden Funkion. Man braucht erst einmal länger bis sich jemand dazu bereit erklärt überhaupt die Führung zu übernehmen. Schwierig ist, wenn die Führung alle Arbeiten abnimmt und es den anderen nicht recht machen kann. Das führt zu Sticheleien, sogar während der Präsentation.
    Da ich oft ungeduldig bin und nicht warten kann bis andere Frauen sich ausgekäst haben, nehme ich ab und an die Zügel in die Hand und mache Vorschläge. Das wiederum ist ein grosses Vorurteil, dass Schweizer gegenüber Deutschen haben. Deutsche wollen gerne alles in die Hand nehmen und bestimmen. Das wiederum kommt nicht gut bei den Kommilitoninnen an. Das merkt man.

    Allerdings habe ich auch gute Gruppenarbeiten gemacht. Jeder kommt zu den Terminen, ist vorbereitet und parat. Einfach eine gute Zusammenarbeit. Dies habe ich allerdings eher bei Männern festgestellt. Denen kann man sagen was passt und was nicht. Sie nehmen das auch nicht persönlich, wenn man denen die Meinung über das Thema sagt.

    Meistens laufen Gruppenarbeiten allerdings so ab:
    jeder macht sein Ding separat, kurz vor dem Unterricht fragt man was der andere vorbereitet hat und geht getrennte Wege. Denn meistens sind die Präsentationen nicht zusammenhängend, keine gemeinsame Richtig und keine gemeinsamen Fragen.

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    1. Ein interessanter Erfahrungsbericht! Ich habe persönlich noch nicht erlebt, dass Unterschiede in der Nationalität oder im Geschlecht die Rollenverteilung in der Gruppe beeinflussen – höchstens den Umgang miteinander (Stichwort Zickenkrieg in reinen Mädchengruppen). Aber du hast natürlich Recht, dass es Faktoren gibt, die die Teamrollen beeinflussen, das hat auch der Forscher Belbin festgestellt. Dazu zählen zum Beispiel persönliche Charaktereigenschaften (ein schüchterner Mensch nimmt z. B. ungern die Rolle des Koordinators ein), Konkurrenzsituationen oder das taktische Einnehmen von anderen Rollen. Letztendlich sind mir „Gruppenarbeiten“ wie in der Situation, die du am Ende geschildert hast (was natürlich nicht Teamwork im eigentlichen Sinne ist), am liebsten!

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  2. Ich habe gerade deinen sehr interessanten und aufschlussreichen Bericht gelesen. Ich habe selbst gerade einen Blogbeitrag über Gruppenarbeit verfasst. Ich gehöre definitiv zu der Gruppe, die denkt dass Gruppenarbeiten keinen Lernzuwachs bedeuten. Ich fand das mit den verschiedenen Rollen sehr interessant, vor allem weil ich in meinem Text, ohne diese Einteilung zu kennen, ähnliche Typen eingeteilt habe. Ich finde es gut, dass du versuchst relativ neutral an das Thema rangehst, obwohl du zu Beginn geschrieben hast, dass du kein Fan davon bist. Ich lasse mich dann doch eher von meinen Gefühlen leiten und kann eine Thematik weniger neutral beleuchten. Super geschrieben!:)

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    1. Vielen Dank, da sind wir anscheinend einer Meinung, was Gruppenarbeit angeht. ;) Meine neutrale Herangehensweise liegt wohl in der Motivation begründet, das Beste aus meiner aktuellen Situation zu machen, da ich im Studium ständig mit Gruppenarbeit konfrontiert werde. Ich denke, der Belbintest liefert da für jeden einen Mehrwert, der öfters im Team arbeiten muss. Aber auch eine emotionale Auseinandersetzung kann natürlich durchaus hilfreich für dich und deine Leser sein!

      Viele Grüße
      Fran

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