Wildes Studentenleben? Nicht wirklich

Ich dachte, ich würde ganz easy ins Studium starten. Bloß kein Stress! Doch nach zwei Monaten hatte ich weder Bett noch Internet in meinem WG-Zimmer, die Nachbarn beschwerten sich regelmäßig über unsere Küchenpartys und ich hatte fast vergessen, mich für die Prüfungen anzumelden.

Diese Sätze stammen nicht von mir. Sie spukten mir aber im Kopf rum, als ich damals für mein Studium in eine andere Stadt zog. Schließlich kennt sie jeder, die Studentenklischees vom Organisationshorror im ersten Semester und dem gefürchteten eigenen Haushalt.

Und mittlerweile muss ich sagen, ich kapier nicht, wovon die alle reden. Ich kenne selbst „solche Studenten“, konnte mich aber nie mit ihnen identifizieren. Hier fünf Klischees, die man allgegenwärtig auf ZEIT Campus oder in sozialen Netzwerken mitbekommt und wie ich darüber denke:

Klischee 1: Ich rannte von einem WG-Casting zum anderen, das Semester hatte schon begonnen. Für die eine Kiffer-WG war ich zu unpolitisch, für die langweilige Zweck-WG zu alternativ. Bis ich eine passende Wohngemeinschaft in der Altstadt gefunden hatte, pennte ich für ein paar Wochen bei einem Kumpel auf der Matratze.

Nachdenk EmojiMeine Wohnungssuche liefert leider nicht genug Stoff für eine romantische Hippie-Komödie. Nachdem ich mich bei vielen Wohnheimen beworben hatte (und auch bei einigen WGs, weil man die Rückmeldung von Wohnheimen oft erst relativ spät erhält!), bekam ich im Juni die Zusage für ein Zimmer und zog im September ein – Happy End. So schwer war das jetzt auch nicht. Man kann natürlich auch erst kurz vor knapp panisch bei sämtlichen WGs durchrufen, wenn man den Adrenalinkick braucht. Muss man aber nicht.

Klischee 2: Zum ersten Mal musste ich mit einem eigenen Haushalt fertig werden, was normalerweise Mama übernommen hatte. Nach kürzester Zeit stapelte sich das Geschirr, meine Wäsche war eingegangen und – oh Schreck – im Kühlschrank war nichts mehr zu essen! Gab es halt mal wieder Tiefkühlpizza.

Real Life: Im Normalfall kennt man Putzen, Wäsche waschen und Abspülen doch von zu Nachdenk EmojiHause, oder? Und ja, aus Faulheit Junkfood essen habe ich früher auch öfters gemacht. Aber man erkennt eigentlich nach kurzer Zeit, dass man mit gesundem Kochen besser dran ist: Man kann zeitsparend und günstig vorkochen und fühlt sich fitter – zum Beispiel, um regelmäßig einkaufen zu gehen 😉

Klischee 3: Der erste Tag im Semester – und ich hatte schon verpennt! Auch alle Formalien wie Stundenplan, die Suche nach dem richtigen Raum und die Besorgung der Skripte und Literatur überforderten mich völlig.

Nachdenk EmojiDen Professoren ist eure Abwesenheit meistens egal, da erzähl ich euch wahrscheinlich nichts Neues. Trotzdem scheinen das viele meiner Kommilitonen nicht zu verstehen, die sich brav in die Vorlesung setzen und dank Handy oder Gesprächen null Komma null mitkriegen. Die Zeit könnt ihr euch wirklich sparen, z.B. für einen Minijob oder ein sinnvolles Hobby. Und wenn ihr euch zuverlässig um die „bürokratischen“ Anforderungen kümmert, kriegt ihr alle To Dos auf jeden Fall hin!

Klischee 4: Nach kürzester Zeit hatte ich meine Kohle für Partys und Shopping verprasst. Mein Vater hat mir eine Predigt gehalten, mir aber letztendlich ausgeholfen. Studenten haben halt nicht so viel Geld.

Nachdenk EmojiStimmt, aber deswegen muss man als erwachsener Mensch niemandem auf der Tasche liegen (oder vielleicht bekommt man sowieso nix). Mit Minijob und Kindergeld z.B. kommt man mit einer gewissen Sparsamkeit gut durch den Monat und kann sogar was zur Seite legen. Wenn ihr also auf die gehypte Altstadt-WG, ein oft überflüssiges eigenes Auto oder teure Markenklamotten verzichtet, könnt ihr euch durchaus selbst finanzieren.

Klischee 5: Endlich weg von zu Hause. Das hieß Party! Meine neuen Freunde und ich saßen wie fast jeden Abend auf meiner Matratze und diskutierten bei ein paar Gläsern Weißwein über Politik, bis die Sonne aufging. Naja, nicht ganz. Meine empörten Wohnheim-Nachbarn klopften an die Tür und beschwerten sich. Ein paar Tage später hatte ich auch noch eine Abmahnung von der Hausverwaltung im Briefkasten, weil meine Leute die Küche zugemüllt und im Gang geraucht hatten. Das hatte ich voll verpeilt. Aber als Student darf man auch mal Fehler machen. #sorrynotsorry #studentenleben

Nachdenk EmojiIch bin tatsächlich immer wieder erstaunt, wie rücksichtlos sich manche Menschen in Wohnheimen o.Ä. zeigen. Dreck hinterlassen, hemmungslos Lärm veranstalten und Beschwerden ignorieren – dieses Klischee kann ich leider bestätigen. Aber bloß weil anscheinend viele glauben, Studenten müssten keine gesellschaftlichen Werte wie Anstand, Zuverlässigkeit oder Solidarität einhalten, muss man sich als Studierender ja nicht selbst der Horde unsensibler Trampeltiere anschließen, oder? Gegen gesellige Samstagabende sagt ja niemand was, aber Montagnacht im Hausflur rumbrüllen muss echt nicht sein. Da lieg ich nämlich meistens im Schlafanzug im Bett und lese. Bin ich jetzt uncool?

Hilfsmittel Wohnheim
Das Wohnheim-Starterset zum Überleben nerviger Nachbarn: Ohropax, Kamillentee und Pokémon zum Ablenken

Auf zum Fazit!

Ich kenne viele Studenten, die diesen Klischees voll entsprechen. Aber nicht jeder tut das! Und vor allem soll bitte kein zukünftiger Ersti denken, so ein Verhalten sei eine legitime Norm. Also, liebe Erstsemester, eine Spießerweisheit für euch: Auch als Student solltet ihr so mit euren Mitmenschen umgehen, wie ihr es euch auch von ihnen wünscht. Und noch was: Habt keine Angst vor dem vielbesagten „Chaos“ zum Studienstart. Wenn ihr keine Volltrottel seid oder euer Leben absichtlich mit Risiken spicken wollt, schafft ihr die ersten Wochen höchstwahrscheinlich völlig ohne Pleiten, Pech und Pannen 🙂

Welche Studentenklischees haltet ihr für wahr und welche für übertrieben? Findet ihr es okay, als Student über die Stränge zu schlagen oder ist ein Studium nicht auch nur eine Art Job mit einer gewissen Verantwortung? Wir freuen uns auf eure Kommentare oder Nachrichten!

Lest auch Siris Gedanken über Authentizität im Studium: Warum es durchaus legitim sein kann, ein Außenseiter zu sein – ganz ohne Mensa-Stammtisch und Stoffbeutel.