Motiv unbekannt

Sich in andere hineinzuversetzen, um sie zu verstehen, ist gut. Aber wer nicht gerade als Profiler bei der Polizei arbeitet, sollte es bei einem gesunden Maß an Empathie belassen. Warum?, werdet ihr fragen. Ganz einfach, werde ich antworten, weil es eure Seele gesünder hält.

Glaubt mir, ich kenne diese endlosen, frustrierenden Gedankenspiralen.

„Warum hat mein Kommilitone das gemacht?“
„Was steckt hinter der Flunkerei von Kollegin Maier?“
„Ist die Kassiererin wegen mir so schlecht gelaunt? Habe ich etwas Falsches getan?“

Und immer, wenn ihr darauf eine Antwort gefunden habt, glaubt ihr, das Rätsel gelöst zu haben. Aber Überraschung: das Gegenteil ist der Fall. Manchmal landet man mit seiner Beobachtung zwar einen Volltreffer. Viel öfters aber schließen wir irgendetwas daraus, was gar nicht stimmt oder die betreffende Person nicht mit uns teilen möchte. Wären es Freunde, würden wir sie einfach darauf ansprechen. Bei Fremden können wir das leider nicht.

Mir ist es selbst schon oft passiert, dass ich bewusst oder unterbewusst mein Verhalten der „analysierten“ Person gegenüber geändert habe. Sehr zu ihrem Erstaunen! Ein klassisches Beispiel: Jemand grüßt euch mehrmals hintereinander nicht mehr. Ihr überlegt, was diese Person dazu veranlassen könnte. Ein Trauerfall in der Familie? Oder findet sie euch doof und will euch damit ärgern? Unterbewusst nehmt ihr der Person gegenüber eine andere Haltung ein. Seht sie mitleidig an. Grüßt vielleicht beim nächsten Treffen auch nicht. Ladet sie nicht mehr zum gemeinsamen Mittagessen der Abteilung ein.

why-2028047_640
Foto: Pixabay

Aber überlegt mal: Fakt ist, dass alle denkbaren Möglichkeiten zutreffen können. Die Person kann einen Trauerfall gehabt haben, über den sie nicht sprechen möchte. Genauso wie Liebeskummer, Schlafmangel, Nervosität, Aufregung, Stress, Krankheit und ja, auch Böswilligkeit euch gegenüber ist nicht auszuschließen. Es ist auch denkbar, dass die Person euch lediglich gedankenversunken nicht bemerkt hat. Bei dieser Fülle an Möglichkeiten würde ich es mir ganz ehrlich sparen, mich in sie hineinzuversetzen. Und vor allem damit aufhören, alles auf mich zu beziehen. Davon abgesehen, dass ich leider nicht das Zentrum der Welt bin, lebt meine Seele gesünder, wenn ich nicht permanent mein Verhalten nach Fehlern absuche oder gar Verschwörungstheorien gegen mich wittere.

Mein Tipp: Unterscheidet zwischen diesem zwanghaften Hineinversetzen und Empathie. Nehmt jede Situation an, wie sie ist, ohne nach Hintergedanken zu forschen, wo vielleicht gar keine sind. Sprecht die Person lieber vorsichtig (!) darauf an. Und fallt nicht mit der Tür ins Haus, á la „Hey Sybille, in letzter Zeit sagst du nie Hallo, hast du ein Problem mit mir?“. Wenn ich Sybille wäre, würde ich auf überfordert auf Abwehr schalten und flüchten. Versucht es doch lieber mit einem „Hey Sybille, alles klar bei dir? Wie geht’s dir denn so?“.

Fazit: Seid euren Mitmenschen gegenüber aufmerksam und hilfsbereit und denkt andererseits an euer Seelenheil: ihr könnt nicht in deren Kopf sehen!

Lasst mich in den Kommentaren wissen, ob ihr Lust auf Themen wie Akzeptanz, Diversität oder auch Interkulturelle Kompetenz habt 🙂 Alles zusammen hätte diesen Artikel gesprengt!

Habt ihr auch manchmal Gedankenspiralen zu den Motiven anderer Menschen? Wie geht ihr damit um?