Die Avocado ist das neue iPhone

Kennt ihr das? Ihr sitzt mit Freunden oder Kollegen mittags zusammen, jeder packt Wurstbrot, aufgewärmtes Essen vom Vortag oder sogar einen Salat aus – und dann ist da immer der eine Kollege dabei, mit Hipsterbrille, Vollbart und bunten Stricksocken, der geradezu zelebrierend Avocado-Quinoa-Salat und Chia-Pudding mit Goji-Beeren aus den Untiefen seines Jutebeutels zieht. Und der dann auch noch ein bisschen spöttisch auf das Schinkenbrötchen seiner Kollegin äugt nach dem Motto: „Tja, ich weiß halt, was gesund ist.“

Superfood gleich supergut?

In solchen Momenten würde ich am liebsten räuspernd eine Fachzeitschrift zücken (ok, realistischerweise mein Handy, aber das zerstört die Szene) und den Algenliebhaber auf die zahlreichen Expertenartikel hinweisen, die alle dasselbe aussagen: Ja, Superfood ist meistens tatsächlich sehr gesund. Aber es ist überteuert (man denke an eine kleine Schachtel getrockneter Goji-Beeren für knapp 10 Euro), belastet die Umwelt durch fragliche Anbaubedingungen sowie umweltbelastende Importe und kann sogar Schadstoffe enthalten, um es für die langen Transportwege haltbar zu machen. Und das wichtigste: Es gibt immer heimische Alternativen!

Ach nee, denkt ihr euch jetzt. Alles schon tausendmal gelesen (oder nicht? Mit diesem Artikel der ZEIT seid ihr wieder up to date). Schön, das freut mich! Aber euer Hipsterkollege anscheinend nicht (Anmerkung: Ich nenne die Gruppe mal Hipster, ohne deren Anhänger pauschalisieren zu wollen – also liebe Hipsterbrillen-Liebhaber, seid mir nicht böse!). Und das ist es, was mich ärgert: Es ist ja löblich, dass viele unserer Öko-Zeitgenossen auf den aktuellen Gesundheits- und Fitnesstrend aufspringen – aber warum tun sie das meistens? Haben einige von ihnen wirklich Umweltschutz oder ihre Gesundheit im Sinn? Offensichtlich nicht! Denn wenn das jenen wirklich am Herzen läge und sie mal die Augen aufmachen würden für allgegenwärtige Artikel rund um Ernährung, dann wüssten sie, dass der Import von Goji-Beeren alles andere als gut für die Umwelt ist. Dass Maca-Pulver keinen Deut besser wirkt als Sellerie. Und dass die Bauern im Landkreis sicherlich mehr davon haben, wenn man ihren Blumenkohl kauft, statt industriell verarbeiteten Weizengrassaft. Könnten einige der Hipster, die ja oft die Trends von morgen setzen und einen gewissen Influencer-Status in der Gesellschaft haben (und das ist durchaus positiv gemeint!), ihre Stellung nicht dazu nutzen, in ihrem nagelneuen iPhone (natürlich in Echtholz-Hülle) mal ordentlich zu recherchieren?

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Mmh, leckere Avocado aus… ja, woher eigentlich?

Lebensmittel als Statussymbol

Ich habe den Eindruck, dass immer mehr junge Trendsetter etwas brauchen, mit dem sie sich identifizieren können, mit dem sie vorgeben können, ganz besonders individuell zu sein. Vielleicht lehne mich ein bisschen weit aus dem Fenster, aber „Ich trinke jeden früh Matcha-Tee mit Sojamilch“ ist wohl jetzt das aktuelle „Ich habe das neue iPhone“-Statement. Besonders tolle Lebensmittel, am besten in Kombination mit veganer Ernährungsphilosophie, werden als Statussymbole hergenommen. Es klingt halt einfach cooler, wenn sie erzählen, dass sie im Bio-Restaurant gestern Süßkartoffelecken mit Avocado-Dip gegessen haben, statt Pommes mit Majo.

Damit hier keine Missverständnisse entstehen: Ich mag Avocado – aber ich kaufe sie bewusst selten ein. Denn mir ist gesunde Ernährung wichtig, die man regional und saisonal (denn wir brauchen keine Zucchini oder Himbeeren im Dezember!) erwerben kann, die gut für den Körper, aber bitteschön auch gut für regionale Händler, Tiere und Umwelt sind. Ich bin sicherlich kein konsequentes Vorbild und esse auch mal Fleisch oder Süßkartoffelecken. Solange man aber wenigstens zu 90 Prozent bewusst und gesund einkauft, finde ich das völlig in Ordnung. Mein Wort zum Sonntag: Verfallt nicht in die aktuelle „Healthy Hysterie“, esst, was ihr mit gesundem Menschenverstand für richtig haltet – und probiert mal Johannisbeeren statt Cranberries in eurem Müsli! 😉

Wie ist eure Meinung über Superfood als Statussymbol oder über regional-saisonale Ernährungsphilosophie? Worauf achtet ihr bei eurer Ernährung? Wir sind gespannt!