Die Social Media-Schwarmintelligenz

WhatsApp-Gruppen sind an sich eine tolle Sache. Ob wichtige Infos oder auch mal eine witzige Anekdote – in dieser Gruppe fühlt man sich gut aufgehoben oder sieht zumindest ihren Zweck ein. Aber seid ihr auch Mitglied in einer dieser furchtbaren Monstergruppen mit zig Mitgliedern, die ständig wild durcheinander plappern?

Da gibt es zum Beispiel diese WhatsApp-Gruppen für Schulklassen oder Studiengänge, in die über hundert Leute aufgenommen wurden, um sich über den Stoff, Klausuren oder Organisatorisches auszutauschen. Glaubt mir, die kenne ich auch. „In welchem Raum sind wir später?“ – „Wann ist nochmal die Prüfung?“ – „Hat jemand die Lösung zur Übungsaufgabe?“ – „Meint ihr, Herr xy fällt morgen aus?“ – Ich würde am liebsten nach jeder Frage auf den Raumplan/ den Prüfungsplan/ den Lösungsbogen  verweisen, denn die Informationen sind schließlich für alle zugänglich. Dennoch verfassen viele lieber eine überflüssige Frage und schicken sie gleichzeitig an unzählige arme Menschen, die daraufhin ihr Handy zücken und die Nachricht lesen sollen.

Anscheinend haben wir den Gipfel der Bequemlichkeit unserer Generation erreicht, in der sich niemand mehr selbst darum kümmert, dass er alle Termine registriert, alle Pflichten erfüllt, alle Aufgaben erledigt hat . Warum sollte man sich auch die Mühe machen und kompliziert im Vertrag nachlesen, wie das mit der Kündigungsfrist nochmal genau war, wenn man genauso gut schnell in WhatsApp schreiben kann? Irgendein Kollege wird es schon wissen und einem mundgerecht vorportioniert aufbereiten.

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Der Lieblings-Emoji in Gruppenchats: Nix wissen, nix hören, nix sehen…

Das Paradoxe an der Sache ist aber doch, dass man von den anderen nur selten eine sinnvolle, richtige und sichere Auskunft erhalten wird. Stattdessen ist der Startschuss gefallen für wilde Lösungsvorschläge und Spekulationen, als ginge es nur darum, wer als erster antwortet.
Die Folge: Unvollständige oder schlicht falsche Aussagen, auf die sich dann sowohl die naiven Alles-Gläubigen als auch die vermeintlichen Besserwisser mit Inbrunst stürzen wie Geier auf gefundenes Aas. Jeder will sich profilieren, wichtig sein oder zumindest witzig. Manchmal aber befindet sich tatsächlich ein scheinbar göttliches Wesen unter den ahnungslos umherirrenden Herdentieren, das richtig und vollständig antwortet – aber was tut diese Person? Setzt hinter ihre objektiv richtige Aussage schnell ein paar relativierende Affen-Emojis! Nicht, dass sie jemand noch als Klugscheißer oder arroganten Streber abstempelt! (Stellt euch an dieser Stelle einen zu Tode erschrockenen Emoji vor und dahinter einen zwinkernden, um die Ironie anzudeuten.) Schnell zurück in die Menge, bloß nicht anecken, denn vielleicht ist man beim nächsten Thema selbst zu faul zu recherchieren und braucht dann wiederum die Schwarmintelligenz der anderen. Bescheidenheit und das Bestreben, jemand anderem nicht unnötig zur Last zu fallen, scheinen nicht zu interessieren, genauso wie ein anständiges Dankeschön von der Person in Not an den Retter aus ihrer Dummheit.
Diese Gedankenlosigkeit und die Unselbstständigkeit der Generation Y nerven mich im Alltag und stimmen mich hoffnungslos – geht es euch da manchmal auch so? Stellt euch mal vor, die bequemen Plattformen WhatsApp und Facebook fielen weg – sind diese Leute dann überhaupt noch fähig, sich selbst zu organisieren?

Und wie kann man solche Menschen „umerziehen“? Sie immer wieder auf die Wissensquellen hinweisen? Sie ignorieren? Oder sie mal ganz böse auflaufen lassen?
Versteht mich nicht falsch: Solidarität und Nächstenliebe sollten natürlich Werte unseres Zusammenlebens bleiben – aber ich befürchte eine zukünftige Gesellschaft, in der einer Unsinn ruft und alle einhellig zustimmen. Weil sich die Individuen daran gewöhnt haben, dass ein anderer für sie recherchiert und ihnen Meinungen anbietet und weil sie gar nicht selbst Stellung beziehen wollen aus Angst vor Ausgrenzung. Vielleicht kommt ja mal ein Trend auf, in dem alle die sozialen Netzwerke plötzlich so wenig wie möglich nutzen wollen (so wie momentan alle auf ungesundes Essen verzichten möchten) und so wieder lernen, sich auf ihr eigenes Hirn zu verlassen – hoffen wir es!