Von der digitalen Klowand

Ich möchte heute ein Thema anregen, über das ich mich gleich furchtbar großmütterlich und spießig äußern werde. Entweder hated ihr anschließend ein bisschen, weil ich es wage, etwas außerordentlich „Cooles“ zu kritisieren oder aber ihr habt noch nie darüber nachgedacht. Keine Sorge, dafür sind wir ja da.

Seit einiger Zeit sind, insbesondere bei Studierenden, spezielle Apps beliebt, die den kommunikativen Austausch untereinander fördern. Hä, bitte was? Richtig gehört, damit meine ich diese Applikation auf eurem Smartphone, bei der jedermann auf bunthinterlegten Kacheln seinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Und zwar anonym, beschränkt auf einen gewissen Umkreis, der via GPS festgelegt wird.

Wie ist das also, wenn man ständig eine digitale Klowand in seiner Hosentasche rumträgt? Da die Mitmenschen genau wie in der Toilette nicht nachvollziehen können, wer genau sich da geäußert hat, fallen beim Sprecher oftmals die Hüllen. Nachdem die Hose also runtergelassen wurde, fängt es auf der Plattform gewaltig an zu stinken: Hashtags und Fotos werden gemeinsam mit Reposts und Beleidigungen rumgeschmiert. Was? Wie jetzt? Sowas macht doch niemand, weiß ich doch. Vor allem nicht der geneigte Leser dieses Eintrags. In Wahrheit muss jeder unter dem Klodeckel der Coolness seinen Senf dazugeben. „Mit Senf oder ohne?“ – natürlich mit, denn „darf’s ein bisschen mehr sein?“. Klar, kost’ ja nix und jedem ist’s Wurst, könnte man auf das richtungsweisende Schildchen an der virtuellen Toilettentür schreiben. (Anm. d. Red.: Danke an C. für die Klowand!)

klo
(Bearbeitungsskills af)

Einerseits bilden sich diese Häuflein durch Posts und Kommentare, andererseits durch sogenannte Votes, mithilfe derer die literarischen Ergüsse eurer Mitmenschen gerankt werden. Downvote = du erzählst uncoolen Kot, Upvote = deine Pupse riechen nach Lavendel. Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn es da nicht den Live-Ticker gäbe, made by Users. Und damit fängt das autonome Exkrement richtig an zu dampfen. Gerade in Hörsälen könnt ihr beobachten, dass oft etwas über die Dozenten, die Vorlesung oder Kommilitonen geschrieben wird. Wie würdet ihr euch fühlen, stündet ihr unter ständiger Beobachtung? Wenn euch die Hashtags den Mund verbieten, weil ihr Angst vor #dummefrage #nervigerkommilitone in #hs9 habt.

Schlimmer geht immer, denn die senffreudige Bildungselite weiß es ganz genau #vollderspast #nervig #hs9. Rechtfertigt das (Fehl-)Verhalten eurer Mitmenschen, anonym und digital über sie herzuziehen? Wie meint ihr, fühlt sich dieser Kommilitone? Wenn digital von allen Seiten auf ihm rumgehackt wird?

Und wo würdet ihr die Grenze zu Mobbing setzen?

Denn nicht nur der ganze Hörsaal weiß dann, wer gemeint ist, auch Menschen im Umkreis von mehreren Kilometern dürfen sich an dem stinkenden Geruch dieser Auswürfe ergötzen. Manche User gehen sogar so weit, dass sie ganz dreist Dozenten und Passanten fotografieren und mit einem Kommentar versehen #süßenachbarininderbib #kenntjemandiesentypen #geilsterprof #inhs9wirdgeradeeinfilmgeschaut. Rechtliche Situation? Privatsphäre? Darüber denken die Möchtegern-Paparazzi nicht nach.

Was ich euch nun damit sagen will, ist nicht, diese Form der Kommunikation zu unterbinden. Oder eine Revolte zu starten. Nein. Denn nicht die Plattform ist Schuld an der Situation, sondern das sind alle, die vermeintlich „coole“ Kommentare verfassen, die die Privatsphäre anderer missachten, die durch Upvotes moralisch fragwürdige Äußerungen unterstützen. Ich appelliere an eure Vernunft und wünsche euch Medienkompetenz. Und vielleicht, dass ihr nicht immer dem Trend und der Masse folgt, sondern das tut, womit ihr am Ende eures Tages guten Gewissens einschlafen könnt.